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Buchstabe S

Schiedsgerichtsbarkeit

S. stellt eine vertraglich vereinbarte Form der institutionalisierten Konfliktlösung dar, bei der die Parteien anstelle der öffentlichen Gerichte eine eigene Instanz zur Streitschlichtung... mehr

S. stellt eine vertraglich vereinbarte Form der institutionalisierten Konfliktlösung dar, bei der die Parteien anstelle der öffentlichen Gerichte eine eigene Instanz zur Streitschlichtung einsetzten. Seit dem 13. Jh. drang diese Form der Streitbeilegung aus dem Kirchenrecht in das weltliche vor. Die Hansestädte versuchten gerade bei innerhansischen Angelegenheiten aufkommende Streitigkeiten auf dem Wege der S. beizulegen. Ein Beschluss des Hansetages von 1381 legte hierzu fest, dass Streitigkeiten zwischen Hansestädten durch Nachbarstädte, keinesfalls aber durch Fürsten geschlichtet werden sollten. Im 15. Jh. wurde dieser Grundsatz mehrfach bestätigt und in Anlehnung an das privilegium fori begründet. Die Forschung hob hierbei neben den Schlichtungsversuchen umliegender Städte auch die Rolle des Hansetages und der gemeinsamen Tagfahrt hervor. Dabei ging es, so R. Schöttler in seiner empirischen Untersuchung, inhaltlich meist um politische oder vermögensrechtliche Auseinandersetzungen. Vor allem bei unlösbaren Konflikten, etwa den mittelalterlichen Verfassungskämpfen in den norddeutschen Hansestädten, wurde von der unterlegenen Partei auch der König um Hilfe gerufen. Das vereinbarte Schiedsverfahren wurde mit dem Abschluss eines Schiedsvertrages eingeleitet, woraufhin die Schiedsrichter von den Parteien und ausnahmsweise auch durch Dritte ernannt wurden. Meist wurden hierzu angesehene Persönlichkeiten oder auch Städte ausgewählt. Im Verfahren selbst oder in einer späteren Erklärung findet sich sodann meist eine Unterwerfungserklärung der Parteien unter den Schiedsspruch. Zur Absicherung wurden mitunter bspw. auch Bürgenstellungen vereinbart.

Alexander Krey

Literatur: P. Oestmann, Prozesse aus Hansestädten vor dem Königs- und Hofgericht in der Zeit vor 1400, ZRG, GA 128 (2011), 114-68; R. Schöttler, Die S. in der Deutschen Hansa in der Zeit von 1232 bis 1495, 1941; H. Wernicke, „Na der hense rechte“. Studien zu Recht und zur Gerichtsbarkeit in der Städtehanse, Jahrbuch für Geschichte des Feudalismus 10 (1986), 121-55.
Schiffsarchäologie

Die S. ist eine allgemein auf die Erforschung materieller Hinterlassenschaften von Wasserfahrzeugen im Binnengewässer- und Meeresgebiet gerichtete Teildisziplin der Archäologie. Sie bildete sich in... mehr

Die S. ist eine allgemein auf die Erforschung materieller Hinterlassenschaften von Wasserfahrzeugen im Binnengewässer- und Meeresgebiet gerichtete Teildisziplin der Archäologie. Sie bildete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s heraus, ist in Deutschland bisher aber kaum etabliert. Einer der ersten Funde war das 1862 ergrabene Nydamboot, gefolgt von Tune 1867, Gokstad 1880 und Oseberg 1907. Durch die skandinavische Landhebung konnten auch viele ehem. gesunkene Schiffe an Land geborgen werden. Seit den 1960er Jahren wird taucharchäologisch gearbeitet, wobei die Hebung der Wasa 1968 den Anfang machte. Hierauf folgte das autonome Tauchen durch Hans Hass, Emile Gagnan und Jaques Yves Cousteau. Insbesondere durch das filmische Engagement Cousteaus und seine Grabungen am Wrack vor Cap Gelidonya und Kyrenia erfuhr das Fach auch eine besondere Medien- und Öffentlichkeitspräsenz. Durch Adaption von Unterwassertechniken aus dem Bergungsbereich wurden neue unterwasserarchäologische Methoden für den Einsatz in der Schiffsarchäologie abgewandelt und weiterentwickelt. Seit den 1980er Jahren werden Funde durch automatisierte Tauchrobotertechnik auch in großen Tiefen erforscht, z.B. die Titanic durch Robert D. Ballard. Mit der Bergung des auf 1380 datierten und ursprünglich als Kogge angesprochenen sogenannten Bremer Wracks wurde der Schiffsarchäologie in Westdeutschland eine besondere Bahn gebrochen, die mit dem Nestor der deutschen Schiffsarchäologie, Detlev Ellmers, in den Folgejahren auf ein hohes internationales Niveau der theoretischen Forschung gehoben wurde. In Ostdeutschland verhalf Günter Lanitzki der Schiffsarchäologie zu verstärkter Aufmerksamkeit. Schon in den 1970er Jahren wurde durch die Begründung einer Arbeitsgemeinschaft Meeresarchäologie am Schifffahrtsmuseum Rostock das Interesse auf die praktische Ausübung dieser Teildisziplin gelenkt. Nach 1997 kam es zur Gründung des Schiffsarchäologischen Seminars an der Universität Rostock, als erste akademische Ausbildung in Deutschland.

Maik-Jens Springmann

Literatur: Stand, Desiderate und Verbesserungsmöglichkeiten in der deutschen Unterwasserarchäologie im Vergleich zu den Nachbarstaaten, 2000; M.-J. Springmann, Arbeitsstelle Schiffsarchäologie am Schifffahrtsmuseum Rostock – Ergebnisse und Perspektiven, Schriften des Schiffahrtsmuseums der Hansestadt Rostock, 2, 1997, 13-21; C.-O. Cederlund, M.-J. Springmann, Maritime archäologische Ausbildung im Ostseeraum – Das Schiffsarchäologische Seminar an der Universität Rostock, ebd., 39-52; T. Weski, Vom Schiff zur archäologischen Quelle, in: In Poseidons Reich. Archäologie unter Wasser, 1995, 39-42; D. Ellmers, Schiffsarchäologie, in: Geschichtswissenschaft und Archäologie, hrsg. von H. Jankuhn, R. Wenskus, 1979, S. 485-516.
Schiffstypen

Die Einteilung von Schiffen nach S. ist ein neuzeitliches Phänomen. Zur Hansezeit war selbst die Nutzung des Wortes “Schiff” nicht einheitlich definiert. Erst mit der Einführung... mehr

Die Einteilung von Schiffen nach S. ist ein neuzeitliches Phänomen. Zur Hansezeit war selbst die Nutzung des Wortes “Schiff” nicht einheitlich definiert. Erst mit der Einführung naturwissenschaftlicher Prinzipien in den Geisteswissenschaften begann eine Klassifizierung und Typologisierung. Sie geschah nach Kriterien der Leistungsfähigkeit (→ Kogge und → Hulk), des Materials (Fyreblase oder Bark), der Besegelung (Marskreier, Karavelle, Galeasse), Herkunft (Breton, Spaniard), Verwendung technischer Bauverfahren (→ Kraweel) oder militärischer Nutzung (Admiralitätsschiff, Brander, Dreidecker, Fregatte) etc. Die mittelalterliche Nutzung von S.-begriffen ist unklar und nicht nach modernen Typologisierungsmaßstäben zu fassen. Teleologische Entwicklungslinien, wie sie von deutschen Historikern wie Vogel, Szymanski und Heinsius entwickelt wurden, werden heute nicht mehr akzeptiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile des auf die subjektive Interpretation von Schriftquellen entwickelten S.systems aufgegriffen und mit der Übernahme abstrakter Ordnungsmuster der Archäologie verbunden und weiterentwickelt (Höckmann und Ellmers). Damit trat die Schiffstypologie aus der Wortgeschichte in die Begriffsgeschichte ein. Dies wird jedoch neuerdings kritisiert (Maarleveld, Weski, Jahnke und Paulsen). Es ist keineswegs zweifelsfrei, dass das Wort Kogge mit all seinem indifferenten etymologischen Hintergrund wirklich einen allgemeingültigen und die technischen Wesensmerkmale einer Kogge umfassenden Begriff und damit ausschließlich einen Schiffstyp im heutigen Sinne, also mit distinktiven technisch-konstruktiven Merkmalen, meint. Es bleibt vielmehr offen, ob eine derartige Klassifizierungs- bzw. Erklärungsnotwendigkeit überhaupt in hansischer Früh- und Hochzeit zu implizieren ist. Die Zuordnung von S. ist in der heutigen historischen und archäologischen Forschung umstritten und wird teilweise abgelehnt.

Maik-Jens Springmann

Literatur: T. Maarlefeld, Type or technique. Some thoughts on boat and ship finds as indicative of cultural traditions, International Journal of Nautical Archaeology 24 (1995), 3-7; M.-J. Springmann, Neue spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Schiffsdarstellungen. Ein Beitrag zur ergologischen Merkmalsanalyse in der Schiffstypologie. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv 26 (2003), 157-85; T. Weski, Fiktion oder Realität? Nachweis spätmittelalterlicher Schiffsbezeichnungen, Skyllis 1999/2, 96-105.
Schonische Messen

Die S. waren neben den Kontoren ein weiterer privilegierter Handelsplatz mittelalterlicher Kaufleute. Am Ende des 12. Jh. nutzten lübische Kaufleute die traditionelle Heringsfischerei am Öresund... mehr

Die S. waren neben den Kontoren ein weiterer privilegierter Handelsplatz mittelalterlicher Kaufleute. Am Ende des 12. Jh. nutzten lübische Kaufleute die traditionelle Heringsfischerei am Öresund dazu, dort ihre eigenen Produkte abzusetzen und eingesalzenen Hering zu exportieren. Der Handel entwickelte sich im 13. Jh. zu einer internationalen Warenmesse an der Nahtstelle zwischen dem Ost- und Nordseeraum. Die wichtigsten Messeplätze waren Skanör, Falsterbo, Malmö, Dragör, aber auch Simrishamn, Trelleborg und Ystad. Die Messe fand zur Zeit des Heringsdurchzuges von Assumptio Marie (15. August) bis Dionysius (9. Oktober) statt. Durch den Verfall des dänischen Reiches am Beginn des 14. Jh. konnten die Städte Autonomierechte auf den Messen erwerben. So entstanden temporäre, autonome Handelsgebiete, die → Vitten, ca. 27 in Skanör, 18 in Falsterbo und 17 in Dragör. Hier wurden Waren umgeschlagen und Heringe verarbeitet. Die Zolleinnahmen aus den S. stellten einen der wichtigsten Posten des königlich dänischen Budgets dar. Nach dem Stralsunder Frieden übernahmen die Städte der Kölner Konföderation die Verwaltung der Messen und vertrieben die Kaufleute anderer Städte. Die S. verloren daraufhin ihren Status als Warenmesse und sanken zu reinen Fischverarbeitungsplätzen herab. Die Vertreibung holländischer Kaufleute führte im 15. Jh. zum Wiederaufblühen der Nordseefischerei. Die nachlassende Bedeutung der Messen und der Zolleinnahmen hatte dann 1422/29 die Einführung des → Sundzolls zur Folge. Die Heringsverarbeitung auf den S. wurde bis ins 16. Jh. fortgeführt, doch sank die Bedeutung der S. stetig. Bis ins 17. Jh. erhielt Lübeck einen formellen Anspruch auf seine Privilegien aufrecht. Mit der Eroberung Schonens durch die Schweden 1658 verloren die S. endgültig ihre Rechte.

Carsten Jahnke

Literatur: C. Jahnke, Das Silber des Meeres, 2000; Das Buch des Lübeckischen Vogts auf Schonen, hrsg. D. Schäfer, 2. Aufl. 1927.
Schottland

Mit S. bestanden spätestens seit dem 14. Jh. intensive Handelsbeziehungen. Bremer, preußische und andere Hansekaufleute kamen nach Edinburgh, Dunbar, Glasgow und Aberdeen, Schotten in den... mehr

Mit S. bestanden spätestens seit dem 14. Jh. intensive Handelsbeziehungen. Bremer, preußische und andere Hansekaufleute kamen nach Edinburgh, Dunbar, Glasgow und Aberdeen, Schotten in den Ostseeraum, etwa nach Danzig. 1370 verbot Stralsund u.a. den Schotten den Handel mit fremden Kaufleuten, 1442 untersagte der Hansetag allen Nichthansen, besonders den Schotten, in den Städten in offenen Kellern Waren anzubieten. Aus dem Ostseeraum wurden Flachs, Hanf, Leinwand, Getreide, Mehl und Holz nach S. ausgeführt, aus S. Salz, Tuche, Fuchs- und Lammfelle importiert. Die Kriege S.s mit England führten zu Übergriffen auf hansische Schiffe, so dass der Hansetag zu Lüneburg 1412 den Handel mit S. und seinen Waren verbot. Dies wurde jedoch durch Hamburg, Köln, Stralsund, die preußischen und andere Städte missachtet, und 1415 musste auch das Brügger Kontor das Verbot auf Drängen der flandrischen Tuchhersteller aufheben, ohne dass die Angriffe endeten. Die engen Beziehungen zwischen S. und Frankreich führten dann während des Konflikts mit England um 1470 zu einem Bündnisangebot König Jakobs.

Jürgen Sarnowsky

Literatur: P. Dollinger, Die Hanse, 6. Aufl., bearb. V. Henn, N. Jörn, 2012; A. Reitemeier, Das Handelsverbot der Hanse gegen Schottland (1412 -1415/18), in: HGbll 112 (1994), 161-236.
Schra

Die S. (auch: der Schragen) ist die niederdeutsche Bezeichnung altnordischer Ursprung (skrá – getrocknete Haut, Pergament) für Rechtssatzungen, besonders für die Statuten der... mehr

Die S. (auch: der Schragen) ist die niederdeutsche Bezeichnung altnordischer Ursprung (skrá – getrocknete Haut, Pergament) für Rechtssatzungen, besonders für die Statuten der Gilden und Zünfte (vor allem in Livland, wo der Ausdruck noch im 19. Jh. verwendet wurde), des Soester Stadtrechts sowie des Hansekontors zu → Novgorod. Die hansezeitliche Novgoroder S. ist in sechs Fassungen aus der Zeit um 1270 bis 1514 überliefert, wobei die erste Fassung ältere gewohnheitsrechtliche Traditionen fixiert. Die Novgoroder S. beinhaltet die Regulationen des hansischen Handels in Novgorod und der Verwaltung und inneren Rechtsprechung des Kontors. Die Entwicklung des Rechtstextes beweist den Einflussverlust der Gotländischen Genossenschaft und den Aufstieg der Rolle zuerst Lübecks und später der Livländischen Städte im hansischen Petershof. Die siebente S. von 1603 wurde für das in Novgorod gegründete Lübeckische Handelskontor verfasst.

Anti Selart

Quellen: W. Schlüter, Die Nowgoroder S. in sieben Fassungen vom XIII. bis XVII. Jh., 1911-16.

Literatur: V. Henn, Die Hansekontore und ihre Ordnungen, in: Hansisches und hansestädtisches Recht, hrsg. A. Cordes, 2008, 15-39.
Schuldbücher

Sie gehören zur großen Gruppe der Stadtbücher, die nicht nur in Hansestädten  geführt wurden. In der Regel verzeichnen sie die als ein persönliches Bekenntnis formulierte Verpflichtung des... mehr

Sie gehören zur großen Gruppe der Stadtbücher, die nicht nur in Hansestädten  geführt wurden. In der Regel verzeichnen sie die als ein persönliches Bekenntnis formulierte Verpflichtung des Schuldners, einen bestimmten Geldbetrag einem Gläubiger zahlen zu müssen, was meistens durch nähere Angaben zur Zahlungsweise, insbesondere Fristen und Termine, sowie hinterlegten Sicherheiten weiter präzisiert wurde. Im 13. Jh. wurden derartige Verpflichtungen meistens in die Stadtbücher eingetragen, erst im Laufe des 14. Jh. wurden in den größeren Städten eigene S. angelegt. Für die bürgerliche Forschung des 19. Jh. waren S. von großem Interesse, da sie in den Schuldnern und Gläubigern Kaufleute sehen wollte, deren Handelstätigkeit aus den in Anspruch genommenen bzw. gewährten Krediten zu erkennen sein sollte. Die jüngere Forschung ist in dieser Hinsicht vorsichtiger, da der Kontext des Eintrags nicht zu erkennen ist. Untersuchungen zur Rolle der Schriftlichkeit in der Gesellschaft sowie der Vergleich mit der kaufmännischen Buchführung legen nahe, dass es eher um die Festschreibung von Schulden vor dem Rat oder dem Gericht, also um eine Form der rats- oder gerichtsöffentlichen Zahlungssicherung ging. Die in S.n niedergelegte Forderung war in der Folge einklagbar und musste nicht erst langwierig bewiesen werden. S. sind daher weniger wirtschaftsgeschichtlich als vielmehr rechtsgeschichtlich zu betrachten. Schuldbucheinträge stellen zudem ein interpretatorisches Problem dar, da man in der Regel nicht erkennen kann, ob der Schuldner oder der Gläubiger die Eintragung veranlasste. Festgehalten wurde lediglich, dass auf dem Schuldner eine Zahlungspflicht ruhte, die eventuell so hoch war, dass er den (Steuer-)Pflichten eines Stadtbürgers nicht mehr nachkommen konnte. S. stellen eine sozialgeschichtlich sehr interessante Quelle dar, da sie beispielsweise Hinweise zur Geschäftstätigkeit von Frauen enthalten.

Harm von Seggern

Literatur: E. von Lehe, Die Schuldbücher von Lübeck, Riga und Hamburg, in: Städtewesen und Bürgertum als geschichtliche Kräfte, hrsg. A. v. Brandt, W. Koppe, 1953, 165-77; C. Ahlborn, Die Geschäftsfähigkeit Lübecker Frauen zu Beginn des 16. Jahrhunderts, Der Wagen (2000), 64-75.
Schweden

Das Kgr. S. entstand im 10. Jh. durch den Zusammenschluss des Svealandes mit dem Oster- und Westergötaland zu einem Reich, dem Sveareich (Svearige, daraus neuschw. Sverige) unter König... mehr

Das Kgr. S. entstand im 10. Jh. durch den Zusammenschluss des Svealandes mit dem Oster- und Westergötaland zu einem Reich, dem Sveareich (Svearige, daraus neuschw. Sverige) unter König Erik VIII. dem Siegesfrohen (Segersäll) oder dessen Sohn Olaf Schatzkönig (Skötkonung). Die Machtbasis des Sveareiches lag im Mälartal, zudem gehörten Öland und bis 1361 Gotland in loser Verbindung zum Sveareich (1361-1645 dänisch). Bis zum 13. Jh. kamen die ‘Kleinen Lande” (Småland) Njudung, Värend, Möre, Ydre, Tjust, Finnveden und Kinda hinzu. Im Norden ging S. in das Gebiet der Sami (Lappen) über, die teilweise tributpflichtig gemacht wurden. Im Westen stellten die norwegischen Provinzen Jämtland, Härjedalen und im Süden Viken und Bohuslen Übergangsregionen zwischen beiden Reichen dar. Im Süden grenzte ein dichter und undurchdringlicher Wald Småland gegen Schonen, Lister und Blekinge ab. Im Osten kolonisierte und christianisierte S. Finnland am Ende des 12. Jh., Tawastland (finn. Häme, schw. Tavastland) und Karelien (Karjala, russisch Карелия Karelija, schw. Karelen) 1249-1300. Am 15. Febr. 1362 wurde Finnland als gleichberechtigte Provinz innerhalb des schw. Reiches anerkannt und blieb dieses bis 1809 (Frieden von Frederikshamn). S. war wie Dänemark ein Wahlkönigtum und die Könige wurden seit Magnus dem Scheunenschließer (Ladulås) von den Lagmannen (Gesetzessprechern) der einzelnen Reichsteile am Stein von Mora (10 km südöstlich von Uppsala) gewählt und ausgerufen. Der Stein von Mora wurde zu Beginn des 16. Jh. durch Gustav Wasa oder seine Anhänger zerstört, um Erinnerungen an das Wahlrecht auszulöschen. Die Möglichkeiten der freien Königswahl haben im Laufe des Mittelalters zu zahlreichen Bürger- und Bruderkriegen geführt. Generell konnten sich aber drei Dynastien behaupten: die Stenkil-Dynastie von ca. 1060-1130, die Sverker von 1130-1250 und die Folkunger von 1250-1364(-1448). 1319 wurde nach einem langwierigen Bruderkrieg der dreijährige Magnus II. Eriksson zum König  gewählt, der zugleich auch Erbe von Norwegen war. Damit waren beide Reiche in Personalunion vereint. Allerdings hatte der vorangehende Bruderkrieg zu einer dauerhaften Schwächung des Königtums und seiner Finanzen sowie zu einer herausragenden Stellung einiger Hochadelsgeschlechter geführt, die nicht gewillt waren, auf ihre Macht zu verzichten. 1332 konnte Magnus zwar Schonen, Lister und Blekinge käuflich erwerben und Schonen als drittes Königreich seiner Krone unterordnen (daher das schw. Reichswappen der Drei Kronen/Tre Kronor), doch konnte er auf Dauer weder Schonen gegen König Waldemar Atterdag von Dänemark behaupten noch sich gegen den Hochadel durchsetzen. In der Folge der Auseinandersetzung um Schonen verheiratete Magnus  seinen Sohn Håkan VI. Magnusson mit Margarethe (I.), Tochter des dän. Königs Waldemar Atterdag. 1364 wurde Magnus als König von S. gestürzt und durch den mecklenburgischen Herzog Albrecht ersetzt. Auch Albrecht von Mecklenburg versuchte vergeblich, sich gegen den den Reichsrat beherrschenden Hochadel durchzusetzen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung wandte sich der schw. Reichsrat 1388 an die Regentin Dänemarks und Norwegens, die norw. Königin Margarethe I. und bot ihr die Regentschaft an. Diese schlug in der Schlacht bei Åsle bei Falköping in Wester-Götaland Albrecht und nahm ihn gefangen. Einzig die Stadt Stockholm hielt zu Albrecht und die zu ihrer Unterstützung ausgesandten Vitalienbrüder stellten bald eine Bedrohung für den hansischen Handel dar.

Nachdem Margarethe auch Stockholm eingenommen hatte, vereinigte sie alle nordischen Königreiche in der sogenannten Kalmarer Union, die 1397 mit der Krönung ihres Erben, Erich von Pommern, in Kalmar besiegelt wurde. Nach dem Tode seiner Stiefmutter Margarethe im Jahre 1412 konnte Erich S. allerdings nicht dauerhaft halten, da seine erfolglosen Kriege um die dänischen Provinzen Estland und Schleswig S. Steuerlast erheblich erhöht hatte und der schwedische Reichsrat sich nicht ausreichend an der Macht beteiligt fühlte. Erich wurde durch den Aufstand des Engelbrekt Engelbrektsson 1435 gestürzt. Nachdem Engelbrekt 1436 ermordet wurde, kam Karl Knudsson aus dem Reichsratsgeschlecht der Bonde die zentrale Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen den Nachfolgern Erichs und dem s. Hochadel zu. Karl Knudsson regierte als Reichsverweser erstmalig 1438-1440. 1441 wurde er durch den letzten Unionskönig aus dem weiteren Geschlecht der Folkunger, Christopher von Pfalz-Neumarkt (gen. von Bayern), abgelöst und mit Finnland abgefunden. Nach Christophers unerwartetem Tod 1448 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Familie Oxenstierna und Karl Knudsson Bonde, der zwischen 1448 und 1457 als König regieren konnte, dann aber abgesetzt wurde und nach Danzig fliehen musste. Christopher von Pfalz-Neumarkt hatte allerdings bei seinem Tode seiner Witwe Dorothea von Brandenburg überaus große Besitzungen in S. hinterlassen und es gelang ihr 1457, ihren Mann, Christian I. von Oldenburg, als Unionskönig in S. ausrufen zu lassen. Aber auch dieser wurde 1464 gestürzt und durch Karl Knudsson Bonde ersetzt, der aber schon nach einem halben Jahr wieder nach Finnland verbannt wurde. In den folgenden Jahren kam es zu einem Machtkampf zwischen den Familien Oxenstierna und Thott/Wasa, an deren Ende 1467 Karl Knudsson Bonde abermals zum König gewählt wurde. Nach dessen Tod 1470 versuchte Christian I. ein letztes Mal, S. wieder zu erobern, wurde aber 1471 in der Schlacht am Brunkebjerg bei Stockholm vernichtend geschlagen. S. wurde nun durch den Reichsverweser Sten Sture d.Ä. regiert, der 1497 durch den Sohn Christians I., Johann II. von Oldenburg, vertrieben wurde. Johann konnte 1497 seinen Sohn Christian (II.) zum Erben ausrufen lassen, bevor er 1501 wieder abgesetzt wurde. Sten Sture d.Ä. übernahm wieder die Macht. Auf ihn folgte nach seinem Tod 1503 Svante Nilsson Sture, ein Grossneffe Karl Knudsson Bondes, der sich bis 1512 an der Macht halten konnte. Ihn beerbte 1512 sein Sohn Sten Sture d.J., der 1520 bei der Eroberung S. durch Christian II. von Oldenburg getötet wurde. Christians Eroberung wurde vor allem durch den Erzbischof von Uppsala, Gustav Eriksson Trolle, gestützt, der aus persönlichen Machtgründen bei den Krönungsfeierlichkeiten in Stockholm 1521 einen Ketzerprozess gegen den gesamten schwedischen Reichsrat durchführte, in dessen Konsequenz Christian genötigt wurde, den gesamten Rat und dessen Sympathisanten im Land hinzurichten. (Stockholmer Blutbad). Als Folge der zahlreichen Hinrichtungen kam es zu einem Aufstand unter Gustav I. Wasa, der propagandistisch und nationalistisch untermauert wurde und 1523 letztendlich dazu diente, die Wahlmonarchie abzuschaffen und eine Erbmonarchie unter den Wasas einzuführen. Die zahlreichen Thronwirren und -kriege haben den Handel im Ostseeraum stark belastet und die Hansestädte über Jahrhunderte involviert.

Wirtschaftlich zeichnete sich S. besonders durch seine Bodenschätze aus. Seit spätestens 1284, wahrscheinlich aber seit dem 11. Jh., wurde am Großen Kupferberg, dem Stora Kopperberget bei Falun, Kupfer gebrochen (bis 1992). Gleichzeitig gab es im Norra Skog (dem nördlichen Wald) bei Örebro sowie auf Utö bei Stockholm, in Dalarna, am Norberg und Skinnskatteberg in Västermanland, in Uppland sowie im Södermanland große Eisenvorkommen, die exportiert wurden. 1340 wurden allein aus dem Norra Skog 2.400 Schiffspfund Eisen ausgeführt. Die Gewinnung, Verarbeitung und der Handel mit Eisen und Kupfer geschah vielfach unter Beteiligung deutscher Experten und Kaufleute. Sowohl das Kupfer als auch das Eisen wurden vor allem über Stockholm ausgeführt, das zum wirtschaftlichen Zentrum S. aufstieg. Neben den Metallen war es vor allem der Butterexport aus Småland, der von wirtschaftlichem Interesse war. S. besaß im Mittelalter mit Stockholm, Kalmar, Visby und Viborg vier international bedeutende Handelsstädte sowie zahlreiche kleinere Zentren. Eine besondere Regel des von Kg. Magnus Eriksson zwischen 1349 und 1357 erlassenen Stadtrechtes verfestigte dabei die alte Gewohnheit, den städtischen Rat und das Bürgermeisteramt paritätisch mit deutsch und schwedisch sprechenden Mitgliedern zu besetzen, wobei die Grenzen fließend waren. Hierdurch wurde die Integration der schwedischen Städte in den norddeutschen Handel wesentlich erleichtert. Stockholm, Kalmar und Visby erscheinen zudem als Hansestädte. Es ist auch ein reges Konnubium zwischen schwedischen und deutschen Ratsfamilien zu konstatieren. Nach 1471 wurde die Regel aus propagandistischen Gründen im dänisch-schwedischen Krieg abgeschafft. Ein Teil der “deutschen” Ratsherren wurde zu “schwedischen”, andere wanderten in die deutschen Ostseestädte, vor allem nach Lübeck, aus.

 Im Gegensatz zu Dänemark nimmt S. in der traditionellen Hanseforschung eine eher neutrale Stellung ein. Allerdings wirkt die nationale Propaganda der Wasazeit in der Geschichtsschreibung vor allem in S. bis heute nach. Die Rolle der Deutschen  und der Hanse bleibt dabei umstritten. Zudem haben die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Fritz Rörig und Hugo Yrwing sowie von deren Schülern über die angeblich besondere Stellung der Deutschen auf Gotland den Blick auf das gesamte Reich für lange Zeit verdunkelt.

Carsten Jahnke

Literatur: Norsteds Sveriges Historia, Vol. II-III, 600-1600, hrsg. D. Harrison, B. Eriksson, 2010; The Cambridge History of Scandinavia, hrsg. K. Helle, 2003.
Seeleute

Als S. bezeichnet man jene Personen, die auf Schiffen gegen Heuer und / oder einen Anteil am Laderaum Dienst taten. Der Schiffer hatte innerhalb dieser Berufsgruppe bis ins 17. Jh. eine... mehr

Als S. bezeichnet man jene Personen, die auf Schiffen gegen Heuer und / oder einen Anteil am Laderaum Dienst taten. Der Schiffer hatte innerhalb dieser Berufsgruppe bis ins 17. Jh. eine Sonderstellung als (Mit-) Eigner und Schiffsführer. Ausnahmen bildeten die Setzschiffer. Sie arbeiteten gegen Lohn für die Reeder. Für das Ende des 13. Jh. wird eine bezahlte Mannschaft in den Seerechten fassbar. Vor allem nordische Rechtsquellen unterschieden zuvor nur zwischen Schiffer und Schiffsdienst verrichtenden Befrachtern. Letztere besaßen ein Mitspracherecht, wenn es um die Gerichtsbarkeit an Bord sowie um den Schiffsbetrieb ging. Derartige genossenschaftliche Verhältnisse bestanden auch auf hansischen Schiffen, und zwar bis zum Ende des 14. Jh. Danach wurden sie allmählich aufgelöst und durch die alleinige Entscheidungsgewalt des Schiffers ersetzt. Zugleich unterlag dessen Arbeit – wie die aller anderen Besatzungsmitglieder – einer zunehmenden Reglementierung sowie Kontrolle durch die weltlichen Amtsträger. Der Steuermann unterstützte den Schiffer bei der nautischen Führung des Schiffes und bei der Wache an Bord. Er war aber dem Schiffer unterstellt. Unter den anderen Mitgliedern der Besatzung vollzog sich seit der Mitte des 14. Jh. eine Einteilung in Schiffs- und Bootsleute. Die Quellen des 15. Jh. nennen erstmalig den Hauptbootsmann. Er führte auf den größeren Fahrzeugen die Aufsicht über die Takelage und alle Decksarbeiten. Die Jungen oder Jungknechte bildeten das untere Ende der Hierarchie, auch wenn sie nicht zur Mannschaft gehörten. Spezialberufe an Bord waren Koch, Schiffszimmermann und Schreiber. Die Ursachen für die berufliche und auch soziale Differenzierung waren die Trennung von Handel und Schifffahrt sowie die steigende Zahl größerer Fahrzeuge. Als Folge dieser Entwicklung gewann die Qualität der seemännischen Ausbildung stärker an Bedeutung. Die Hanse und einzelne Städte regelten mittels detaillierter Bestimmungen das Leben an Bord. Zugleich wuchs die Kontrolle berufsspezifischer Fähigkeiten mithilfe von Zeugnissen, den Paßporten. Die Besatzungsmitglieder übernahmen neben den typisch seemännischen Tätigkeiten unter anderem das Laden und Löschen der Ladung sowie die Wache an Bord. Bei einem Angriff auf das Schiff waren sie zur Verteidigung verpflichtet. Schiffer und andere S. wurden außerdem für die Bewachung der Häfen, insbesondere zur Zeit der Winterlage (Schiffswache), eingesetzt. Zudem leisteten Besatzungsmitglieder zur See und an Land Kriegsdienst für die Städte, aber auch als Söldner für den Deutschen Orden. Des Weiteren waren sie am Seeraub beteiligt, d.h. sowohl an legalisierter Kaperschifffahrt als auch an kriminalisierter Piraterie.

Thomas Brück

Literatur: Seefahrt, Schiff und Schifferbrüder, hrsg. R. Hammel-Kiesow, 2001; D. Ellmers, Alltag auf Koggen – nach Bildern, Funden und Texten, in: Die Kogge, hrsg. G. Hoffmann, U. Schnall, 2003, 162-93; A. Kammler, Up Eventur. Untersuchungen zur Kaperschifffahrt 1471-1512, vornehmlich nach Hamburger und Lübecker Quellen, 2005.
Seerecht von 1614

Das S., dem vollständigen Titel nach „Schiffsordnung und S.“, ist die auf dem Hansetag in Lübeck im Jahre 1614 beschlossene Kodifikation des hansischen Seerechts, das aber wie alle Beschlüsse der... mehr

Das S., dem vollständigen Titel nach „Schiffsordnung und S.“, ist die auf dem Hansetag in Lübeck im Jahre 1614 beschlossene Kodifikation des hansischen Seerechts, das aber wie alle Beschlüsse der Hansetage erst von den Städten in geltendes Recht umgesetzt werden musste. Es wurde vom hansischen Syndikus Johannes Domann entworfen und dann unter Einfluss von Hamburg, Lübeck und Danzig modifiziert. Über das dänische Seerecht von 1561 fand auch das niederländische Seerecht Karls V. Aufnahme. Das S. enthält 103 Artikel in fünfzehn Titeln und regelt die Materie recht vollständig. Es bestimmte das Seerecht in den folgenden Jahrhunderten; mit dem Inkrafttreten des Allgemeinen Deutschen Handelsgesetzbuchs von 1861 verlor das S. seine Geltung.

Albrecht Cordes

Literatur: G. Landwehr, Das Seerecht der Hanse (1365–1614). Vom Schiffordnungsrecht zum Seehandelsrecht, 2003.
Seerecht von Wisby

Das S., auch Gotländisches Waterrecht genannt, ist eine 72 Artikel (Vonnisse van Damme, Ordinancie van der Zuiderzee sowie vierzehn Artikel des lübischen Seerechts)... mehr

Das S., auch Gotländisches Waterrecht genannt, ist eine 72 Artikel (Vonnisse van Damme, Ordinancie van der Zuiderzee sowie vierzehn Artikel des lübischen Seerechts) umfassende Kompilation von Seerechtsquellen, die anlässlich des Hansetags von 1407 so kombiniert und 1505 erstmals gedruckt wurde. Anlass für die Namensgebung bot das Seegericht von Wisby. Das S. fand weite Verbreitung, wurde im 16./17. Jh. in verschiedene Sprachen übersetzt und bis zum Anfang des 19. Jh.s als gemeines Seerecht in der Gerichtspraxis angewandt.

Albrecht Cordes

Literatur: H. Pohlmann, Die Quellen des Handelsrechts, in: Handbuch der Quellen und Literatur der neueren europäischen Privatrechtsgeschichte I, hrsg. H. Coing, 1973, 801–34; G. Landwehr, Das Seerecht der Hanse (1365–1614). Vom Schiffordnungsrecht zum Seehandelsrecht, 2003; Ph. Dollinger, Die Hanse, 6. Aufl. 2012.
Seeversicherung

Die S. wurde zur Absicherung von Menschen und Sachen gegen die Seegefahr im 14. Jh. in Norditalien entwickelt und sofort sehr populär. Mitte des 15. Jh.s war sie auch in Flandern bekannt, doch im... mehr

Die S. wurde zur Absicherung von Menschen und Sachen gegen die Seegefahr im 14. Jh. in Norditalien entwickelt und sofort sehr populär. Mitte des 15. Jh.s war sie auch in Flandern bekannt, doch im Hanseraum fasste das Geschäft – sieht man von einem schlecht belegten Einzelfall von 1513 ab – erst im späten 16. Jh. Fuß. Die Hansekaufleute müssen die S. aus Brügge gekannt, sich aber gegen eine Übernahme entschieden haben, weil sie andere Wege zur Risikoreduzierung durch Streuung der Investitionen gefunden hatten.

Albrecht Cordes

Literatur: W. Ebel, Gottschalk Remlinckrade. Seine Taten und Untaten und die älteste Versicherungspolice vom Jahre (1531), Zeitschrift für die gesamte Versicherungswissenschaft 60 (1971), 137-53; P. Koch, Art. Versicherungswesen, Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte V, 1. Aufl. 1998, 815-26.
Seidenstoffe

Seit Ende des 13. Jh.s wurden in Oberitalien kostbarste Seidengewebe aller Art hergestellt. Über namhafte italienischen Handelsfirmen gelangten diese vornehmlich nach Brügge und wurden von dort aus... mehr

Seit Ende des 13. Jh.s wurden in Oberitalien kostbarste Seidengewebe aller Art hergestellt. Über namhafte italienischen Handelsfirmen gelangten diese vornehmlich nach Brügge und wurden von dort aus von den Hansekaufleuten weiterverhandelt. Leider tauchen die Luxusstoffe so gut wie nie im hansischen Schriftverkehr auf. Beredtes Zeugnis von der Schönheit dieser Erzeugnisse und ihrer weiträumigen Verbreitung nördlich der Alpen liefern jedoch zum einen die Paramentenbestände in Danzig, Stralsund und Lübeck, zum anderen die Werke der Tafelmaler des späten 14. und 15. Jh.s.

Annemarie Stauffer

Literatur: A. Stauffer, Italienische Seiden in Dortmund im 14. und 15. Jh., in: Dortmund und die Hanse: Fernhandel und Kulturtransfer, hrsg. T. Schilp, B. Welzel, 2012, 95-114.
Seilerei und Reepschlägerei

Die S. war für verschiedene Zwecke speziell im Haushalt, in Tierfang und Fischerei, in Landwirtschaft und Bergbau, im Handwerk und Transportwesen unentbehrlich. Sie wurde auch auf dem Lande... mehr

Die S. war für verschiedene Zwecke speziell im Haushalt, in Tierfang und Fischerei, in Landwirtschaft und Bergbau, im Handwerk und Transportwesen unentbehrlich. Sie wurde auch auf dem Lande betrieben, ist aber schon früh in Städten als Beruf belegt (1150 in Köln, 1414 dort als Zunft). Für stärkere Seile, Taue oder Fäden wurde Hanf, für dünne auch Flachs verwendet. Rohstoff oder Halbfertigwaren wurden z.T. über weite Entfernung herangeführt; ein wichtiges Importgut wurde russischer Hanf. Neben den Seilern, die eher für den lokalen Bedarf rechtsgedrehte dünnere und kürzere Seile, Netze, Gurte, Taschen u.a. herstellten, bildete sich in den hansischen Seestädten mit ihrem regen Schiffsverkehr seit dem 13. Jh. die eigene Berufsgruppe der Reepschläger oder Reifer heraus, die für Schiffer und Kaufleute vor allem linksgedrehtes, schweres Tauwerk und verschiedene Produkte wie Ankertaue, Seile, Schnüre und Kordeln zur Seefahrt fertigten. In Bremen ist ein Seilschläger 1261, in Hamburg ein Reepschläger 1265 belegt; Amtsrollen mit Vorschriften finden sich in Hamburg 1345, in Wismar 1387 und Lübeck 1390, in dessen Ordnung neben Hamburg und Wismar auch Rostock, Stralsund und Stettin als Standorte erwähnt werden. Im Binnenland war die Zahl der Reepschläger oft nicht allzu groß (in Lüneburg 1517 wie vorher Festlegung auf 8 Werkbrüder). Die Produktion erfolgte auf den langen Seiler- bzw. Reeperbahnen, die sich häufig im Freien, z.T. an Stadt- oder Friedhofsmauern oder außerhalb befanden; den Danziger funifices wurde z.B. 1390 ein Gelände jenseits der Grünen Brücke (Koggenbrücke) zugewiesen. Die u.a. in Riga, Reval und Lübeck vorhandene eigene Berufsgruppe der Hanfspinner für die Herstellung von auch für andere Standorte bestimmten Garnen und die Belege für Kabeldrahtherstellung und -export aus Kalmar und Preußen deuten auf eine Spezialisierung und überlokale Arbeitsteilung bereits im späten Mittelalter hin. 1462 berichtete der Revaler Rat den Lübeckern von der Einsetzung eines Oldermanns bei den Hanfspinnern zur Sicherung der Garnqualität (UB Lübeck 10, Nr. 184). Eine Rigische Bursprake von 1412 deutet auf die Praxis von Krediten auf Kabeldraht hin.

Rudolf Holbach

Literatur: W. Stieda, Hansische Vereinbarungen über städtisches Gewerbe im 14. und 15. Jh., in: HGbll. 15 (1886), 101-55; F. Troitzsch, Das Seilergewerbe in Deutschland, seine Geschichte zur Zunftzeit und die neueste Entwicklung, 1910; H.-P. Mielke, Seiler und Reepschläger, in: R. Reith (Hrsg.), Lexikon des alten Handwerks, 1990, 193-99.
sendeve

Das s. oder Sendegut ist Kaufmannsgut (ve =Vieh, verallgemeinert zu Handelsgut; vgl. altnord. felag), mit dem der Kapitalführer in eigenem Namen, aber auf Rechnung des... mehr

Das s. oder Sendegut ist Kaufmannsgut (ve =Vieh, verallgemeinert zu Handelsgut; vgl. altnord. felag), mit dem der Kapitalführer in eigenem Namen, aber auf Rechnung des Kapitalgebers handelt. Dessen Eigentum wird in bestimmten Zusammenhängen, z. B. beim Zoll, relevant. Der Kapitalführer wird für seine Tätigkeit nicht entlohnt. Vielmehr wird ihm das S. als Ergänzung zu einer → wedderlegginge, an deren Gewinn er als Mitgesellschafter profitiert, mitgegeben, oder er enthält entsprechende Gegendienste seines Partners. Dies ist eine mögliche Konstruktion, wie sie der von Mickwitz so genannten „Fernhandelsgesellschaft auf Gegenseitigkeit“ (Mickwitz, passim) zugrunde liegen konnte.

Albrecht Cordes

Literatur: G. Mickwitz, Aus Revaler Handlungsbüchern. Zur Technik des Ostseehandels in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, 1938; A. Cordes, Spätmittelalterlicher Gesellschaftshandel im Hanseraum, 1998.
Sigtuna

Die Stadt wurde ca. 980 am Mälarsee gegründet. Die 700 m lange und 100 m breite Bebauung folgte dem Seestrand mit der noch vorhandenen Stora gatan als Hauptweg und Quergassen hinunter zum... mehr

Die Stadt wurde ca. 980 am Mälarsee gegründet. Die 700 m lange und 100 m breite Bebauung folgte dem Seestrand mit der noch vorhandenen Stora gatan als Hauptweg und Quergassen hinunter zum Wasser. Gründer war die königliche Macht des frühen schwedischen Reiches. Ab ca. 995 prägte der erste christliche König Olof Skötkonung Münzen in S. Im 11. Jh. wurden mehrere Kirchen außerhalb des Stadtgebiets angelegt, wovon eine russisch war. Mitglieder einer friesischen Gilde sind auf zwei Runensteinen erwähnt – den Namen nach sowohl Friesen als auch Schweden. Nach der Mitte des 13. Jhs. nahm die Bedeutung von S. ab.

Nils Blomkvist

Literatur: J. Ros, Sigtuna. Staden, kyrkorna och den kyrkliga organisationen, 2001.
Smolensk

S. ist eine altrussische Stadt am Oberlauf des Dnjepr. Hier entstand im 9.-10. Jh. eine von Skandinaviern geprägte Siedlung in Gnezdovo, deren Rolle im Fernhandel im 11. Jh. vom... mehr

S. ist eine altrussische Stadt am Oberlauf des Dnjepr. Hier entstand im 9.-10. Jh. eine von Skandinaviern geprägte Siedlung in Gnezdovo, deren Rolle im Fernhandel im 11. Jh. vom benachbarten S. übernommen wurde. Im 12. Jh. etablierte sich hier das Fürstentum, dessen Reichtum auch die überregionale Bedeutung der S.er Schule der Baukunst bezeugt. Im 13.-14. Jh. konnte S. zwischen Litauen, nordostrussischen Fürsten und Mongolen seine Eigenständigkeit im Wesentlichen bewahren, bis Großfürst Vytautas von Litauen 1395 und 1404 die Stadt eroberte. Gleichzeitig ging die wirtschaftliche Bedeutung von S. zurück. 1514 fiel die Stadt an den Großfürsten von Moskau. S. war im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt, die im hansischen Bereich besonders mit Riga Handel trieb. Im → Vertrag von S. (1229) wird die Marienkirche des deutschen Kaufmanns erwähnt, die zum Ende des 14. Jh. jedoch nicht mehr im Besitz der Hansen war.

Anti Selart

Literatur: G. Lenhoff, J. Martin, S. after the Mongol Invasions: a Reconstruction, Die Welt der Slaven 59 (2014), 111-36; E. Mühle, Die städtischen Handelszentren der nordwestlichen Ruś, 1991.
Söderköping

S. ist eine schwedische Handelsstadt im östlichen Östergötland am Zusammenfluss der Kleinen und Großen Au (Lill- u. Storån, heute fälschlich Söderköpingså genannt und im Götakanal aufgegangen) vor... mehr

S. ist eine schwedische Handelsstadt im östlichen Östergötland am Zusammenfluss der Kleinen und Großen Au (Lill- u. Storån, heute fälschlich Söderköpingså genannt und im Götakanal aufgegangen) vor dem Ausgang in den Slätbaken, einem besonders tiefen Ostseefjord. Der Ort liegt an der südlichen Grenze des Vikbolandets, das im Norden von der Bråvik mit Norrköping abgegrenzt wird. Der Name S., “südliche Kaufmannstadt”, referiert so entweder zur Lage im Vikboland oder auf Norrköping, die “nördliche Kaufmannstadt”. Seit dem 11. Jh. wurden die sumpfigen Niederungen am Zusammenlauf der Auen besiedelt und spätestens zu Beginn des 13. Jh.s zu einer Stadt ausgebaut. Die ältesten hölzernen Straßenbeläge datieren z.Zt. auf das Jahr 1204. 1235 wird eventuell ein Franziskanerkloster angelegt und 1253 wird erstmals ein Götulf Ryss (Russe) als dominus und cives in S. erwähnt. Die Stadt erhielt das nordische Bjarkey-Recht (Birkinselrecht, Kaufmannsrecht), dessen älteste Redaktion im Stadtrecht von S. von ca. 1290 überliefert ist. Im 13. und 14. Jh. verzeichnete S. eine starke Einwanderung aus dem niederdeutschen Raum und war in das hansische Handelsnetzwerk integriert sowie durch Connubium mit den Bürgern niederdeutscher Städte verbunden. Der seit 1293 nachgewiesene Rat von S. war so, wie in vielen schwedischen Städten, zweisprachig, seit Einführung des neuen Stadtrechtes zur Mitte des 14. Jh.s bis 1471 bestand der Rat zur Hälfte aus Deutschen. S. gehörte teilweise zur Mitgift schwedischer Königinnen und entwickelte sich vor allem im 13. und 14. Jh. zu einem der wichtigsten politischen Zentren Schwedens. Hier wurden u.a. 1281 Heilwig von Holstein zur Königin und 1302 Birger Magnusson zum König gekrönt. S. diente vor allem als Ausfuhrhafen für die Eisenproduktion des Mälartales und stand als solcher in direkter Konkurrenz zu Stockholm, welches die Stadt im 13. und 14. Jh. noch überflügeln konnte. Im 17. Jh. wurde auch im Umland von S. Kupfer gewonnen. Bis in das 15. Jh. galt S. als Referenzmarkt für schwedisches Eisen, dessen Marktpreis als richtungsweisend galt. 1567 wurde die Stadt durch schwedische Truppen im Nordischen Siebenjährigen Krieg zerstört und hat sich davon nicht wieder erholt, da der Hafen der Stadt durch die Landhebung gleichzeitig zum Ende des 16. Jh.s unbefahrbar wurde. Die Quellenlage zur Handelsgeschichte der Stadt ist durch die Zerstörungen des 16. Jh.s schlecht. Lediglich einige rechtsgeschichtliche Aufzeichnungen sind vorhanden.

Carsten Jahnke

Literatur: D. Harrison, En medeltida Storstad. Historien om Söderköping, 2012; S. Ljung, Söderköpings Historia, 1949.
Soest

S. liegt in der fruchtbaren Börde nördlich des Sauerlands in Westfalen. Vorstädtische Siedlungsstrukturen werden erstmals 836 genannt. Eine Stadtmauer (2. Hälfte des 12. Jh.s) und das Stadtrecht (→... mehr

S. liegt in der fruchtbaren Börde nördlich des Sauerlands in Westfalen. Vorstädtische Siedlungsstrukturen werden erstmals 836 genannt. Eine Stadtmauer (2. Hälfte des 12. Jh.s) und das Stadtrecht (→ Soester Stadtrecht) deuten auf einen Stadtwerdungsprozess hin, der spätestens um 1200 abgeschlossen war. Politisch gehörte S. zunächst zum Erzstift Köln, jedoch konnte es sich schon im Laufe des 13. Jh.s eine weitgehende Autonomie erkämpfen (Siegel 1168; Bürgermeister 1223; Erwerb der Vogtei 1279/1281). In der Soester Fehde (1444-1449) sagte sich S. endgültig vom Kölner Erzbischof los und stellte sich unter den Schutz des Herzogs von Kleve-Mark (seit 1531 reformiert), bevor es 1614 endgültig an Brandenburg (Preußen) fiel. 

In wirtschaftlicher Hinsicht dominierten im Früh- und Hochmittelalter vor allem Salzgewinnung und Metallverarbeitung, später dann der Handel. Die verkehrsgünstige Lage an der Kreuzung des Hellwegs (Ost-West-Verbindung) mit der Nord-Süd-Achse (Münster–Frankfurt) ermöglichte es S., eine Verbindungsfunktion zwischen Flandern, dem Rheinland und dem Ostseeraum einzunehmen. Auf die Bedeutung S.s im Fernhandel lässt die Bruderschaft der Schleswigfahrer schließen, die wohl vor die Gründung Lübecks im 12. Jh. zu datieren ist. Darüber hinaus unterstreichen die Zollfreiheiten in Köln (1154) und Kaiserswerth (1198) die Bedeutung S.s. Die Nennung Soester Bürger im → Smolensker Vertrag 1229 deutet ebenso wie die Befreiungen vom Strandrecht (1232 durch den dänischen und 1252 durch den deutschen König Wilhelm von Holland; 1308 durch den Markgrafen von Brandenburg) auf weitreichende Handelskontakte hin. 

Auch das Soester Stadtrecht reflektiert den Fernhandel: Schon 1165 werden als Reiseziele Dänemark und Russland genannt, zudem ist Kaufleuten der gütliche Ausgleich von Streitigkeiten auf Reisen vorgeschrieben. In der Alten Kuhhaut von 1225/26 deutet eine Regelung für den Verbleib erbenlosen Guts von Friesen und ‚Galliern‘ (Flamen?) auf Kontakte in den Norden und Westen hin. 

S. war bedeutendes Mitglied der Hanse in Westfalen. Neben Münster, Osnabrück und Dortmund gehörte es zu den Prinzipalstädten. Es vertrat als hansischer Vorort westfälische Städte wie Lippstadt, Werl, Arnsberg, Attendorn, Brilon und Rüthen, deren Zugehörigkeit zur Hanse neuerdings jedoch nicht mehr in allen Fällen als sicher angesehen wird. 1469 fand der erste westfälische Regionaltag in S. statt. Auf dem letzten Hansetag 1669 war S. nicht mehr vertreten. Die wirtschaftliche Bedeutung S.s hatte spätestens seit dem 15. Jh. abgenommen.

Stephan Dusil

Literatur: C. von Looz-Corswarem, Die Stadt Soest als hansischer Vorort des Kölnischen Westfalen, in: Soest. Stadt–Territorium–Reich, hrsg. G. Köhn, 1981, 345-82; W. Ehbrecht, Luise von Winterfelds Untersuchung ,Das westfälische Hansequartier‘ im Lichte der Forschung mit besonderer Berücksichtigung der kleinen Städte, in: Der Raum Westfalen 6/1, 1989, 251-76; Soest. Geschichte der Stadt, hrsg. W. Ehbrecht u. a., bislang 3 Bde.1995–2010; G. Köhn, Soest – ein westfälischer Vorort der Hanse, in: Die Hanse. Lebenswirklichkeit und Mythos, hrsg. J. Bracker u. a., 1999 3.Aufl., 310-18; W. Ehbrecht, M. Siekmann, T. Tippach, Soest, 2016.
Soester Recht

Das Recht der Stadt → Soest zählt zu den ältesten Stadtrechten innerhalb der Hanse. Es ist quellenmässig erstmals in der Rechtsmitteilung an Medebach (1165) fassbar, die Grundlage der Alten Kuhhaut... mehr

Das Recht der Stadt → Soest zählt zu den ältesten Stadtrechten innerhalb der Hanse. Es ist quellenmässig erstmals in der Rechtsmitteilung an Medebach (1165) fassbar, die Grundlage der Alten Kuhhaut (1225/26) wurde. Die Neue Kuhhaut aus dem ausgehenden 13.Jh. (1281/82) ist eine geringfügig veränderte Abschrift der Alten Kuhhaut. Die erste niederdeutsche Bearbeitung des Soester Stadtrechts stellt die Alte Schrae dar (1367; auch Altes Stadtbuch genannt; → Schra). Die Neue Schrae entstand 1531.

Der Ursprung des S. R.s wurde im → Kölner Stadtrecht vermutet, jedoch sind Übernahmen nur in Ansätzen zu belegen (Gerichtsverfassung, Erbleihe). Auch die Nennung Kölns als mater nostra in einer Soester Brottaxe (2. Hälfte 13. Jh.) bezeugt mehr die Übernahme kirchlicher Diktion als eine stadtrechtliche Abhängigkeit. Die Aufnahme kanonistischer Prinzipien im Beweis- und Strafrecht in den älteren Aufzeichnungen deutet auf eine kirchliche Prägung des S. R.s hin.

Das Soester Stadtrecht reflektiert nicht nur die Verfassung der Stadt (Bürgermeister, Verhältnis zum Kölner Stadtherrn/Vogtei, Erbleihgrundstücke), sondern erhellt auch einige Aspekte des Privat- und Handelsrechts. So deuten Vorschriften in den älteren Aufzeichnungen aus dem 12. und 13. Jh. auf weitreichende Handelskontakte bis Dänemark und Russland sowie in den Westen hin (→ Soest).

Die Reputation des S. R.s beruht auf seiner – mehr vermuteten als nachgewiesenen – weiten Verbreitung innerhalb wie außerhalb der Hanse. So haben sich die Lübecker Bürger – ausweislich eines Zeugnisses Arnolds von Lübeck – 1181 vor der Übergabe der Stadt an Kaiser Friedrich I. Barbarossa vorbehalten, nach S. R. (secundum iura Sosatie) zu leben. Den Hamburger Bürgern gestand Albrecht von Orlamünde um 1216 zu, das S. R. und das Lübische Recht gebrauchen zu dürfen. Das vermeintliche Filiationsverhältnis zwischen Lübeck und Soest gewann im 17. und 18. Jh. in der Diskussion, ob Kommentare zum → Lübischen Recht (→ David Mevius) in Westfalen anwendbar seien, neue Bedeutung.

 In Westfalen lassen sich nur für wenige Städte der mehr als sechzig Städte umfassenden Soester Stadtrechtsfamilie engere Rechtskontakte mit Soest nachweisen (Attendorn, Korbach, Medebach und Siegen); andere Tochterstädte nahmen sich das Recht von Soest zwar als Vorbild, wandelten es aber grundlegend ab und orientierten sich nicht weiter an Soest (Lippstadt, Rüthen). Die Bedeutung des S. R.s in der spätmittelalterlichen Lebenswelt sowie für die hansische Geschichte sollte nicht überschätzt werden, auch wenn es die Forschung seit dem 19. Jh. – nicht zuletzt aufgrund der vermuteten Ausstrahlungswirkung sowie der guten Archivlage – immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt hat.

Stephan Dusil

Literatur: W. Ehbrecht, Stadtrechte und Geschichtslandschaften in Westfalen, in: Der Raum Westfalen 6/1, 1989, 217-50; T. Schöne, Das Soester Stadtrecht vom 12. bis zur Mitte des 15. Jh.s, 1998; S. Dusil, Zur Verbreitung des Soester Rechts im Mittelalter. Perspektiven der vergleichenden Stadtrechtsforschung, in: Hansisches und hansestädtisches Recht, hrsg. A. Cordes, 2008, 173–204; S. Dusil, Die Soester Stadtrechtsfamilie. Mittelalterliche Quellen und neuzeitliche Historiographie, 2007.
Städtebünde

Seit den 20er Jahren des 13. Jh. (in Oberitalien bereits seit den 60er Jahren des 12. Jh.) kam es, ausgehend vom Mittelrheingebiet, auf der Grundlage beschworener Vereinbarungen überall im Reich zu... mehr

Seit den 20er Jahren des 13. Jh. (in Oberitalien bereits seit den 60er Jahren des 12. Jh.) kam es, ausgehend vom Mittelrheingebiet, auf der Grundlage beschworener Vereinbarungen überall im Reich zu Bündnissen zwischen zwei oder mehreren Städten, die vor allem im regionalen Rahmen und zumeist befristet abgeschlossen wurden. Voraussetzung dafür war eine so weit entwickelte kommunale Autonomie, dass sie den Städten die Möglichkeit gab, eigene außen- und bündnispolitische Entscheidungen zu treffen. Die Ziele dieser Bündnisse bestanden in der Befriedung der Handelswege und dem Schutz der städtischen Kaufleute sowie der gegenseitigen Unterstützung gegen Beeinträchtigungen der städtischen Unabhängigkeit durch die jeweiligen Stadt- und Landesherren; seit dem 14. Jh. kam die Hilfeleistung bei innerstädtischen Unruhen (Bürgerkämpfen, Stadtkonflikten) hinzu. Gelegentlich kam es auch vor, dass sich die Städte eines Territoriums, etwa im Falle einer Sedisvakanz, zusammenschlossen, um gemeinsam die Friedenswahrung im Lande zu garantieren. Verbote von St.n seitens des Reiches (1231, 1356, 1389) blieben wirkungslos. Gemischt-ständische Bündnisse, an denen neben den Städten auch adelige Herren beteiligt waren (wie z. B. beim Rheinischen Bund von 1254 oder den diversen Landfriedensbündnissen), waren keine St. Auch die Hanse war, anders als vielfach behauptet, kein Städtebund; städtebündischen Charakter hatten hingegen die seit dem frühen 15. Jh. beratenen → Tohopesaten. Seit dem ausgehenden 15. Jh. gab es zwar Bestrebungen, auch innerhalb der Hanse die bündischen Elemente zu stärken, die in den Konföderationsnoteln von 1557 und 1579 ihren Höhepunkt fanden, aber weitgehend wirkungslos blieben.

Volker Henn

Literatur: E.-M. Distler, Städtebünde im deutschen Spätmittelalter. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung zu Begriff, Verfassung und Funktion, 2006; G. Raabe, Bündnisse der wendischen Städte bis 1315, 1971; E. Engel, Städtebünde im Reich von 1226 bis 1314 – eine vergleichende Betrachtung, in: Bürgertum – Handelskapital – Städtebünde, hrsg. K. Fritze u. a., 1975, 177-209; M. Puhle, Die Politik der Stadt Braunschweig innerhalb des Sächsischen Städtebundes und der Hanse im späten Mittelalter,  1985; ders., Der sächsische Städtebund im späten Mittelalter – Regionale „confoederatio“ oder Teil der Hanse?, in: HGbll. 112 (1994), 125-138; J. K. W. Berns, Propter communem utilitatem, 1991; M. Seier, Die Hanse auf dem Weg zum Städtebund. Hansische Reorganisationsbestrebungen an der Wende vom 15. zum 16. Jh., in: HGbll. 130 (2012), 93-123.
Staven

Das Hansekontor in → Bergen unterteilte sich in einzelne Höfe, die sich aus mehreren Handelsstuben, den S., zusammensetzten. Jeder S. beherbergte die Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume sowie die... mehr

Das Hansekontor in → Bergen unterteilte sich in einzelne Höfe, die sich aus mehreren Handelsstuben, den S., zusammensetzten. Jeder S. beherbergte die Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume sowie die Schreibstube eines Kaufmanns und seiner Jungen und Gesellen. Der Hausherr (husbonde) hatte die Befehlsgewalt am S. inne und war dem Kontor gegenüber für das Verhalten seiner Untergebenen und Gäste verantwortlich. Hausherr und Gesellen bewohnten eigene Kammern, die Jungen lebten in engen Gemeinschaftsräumen. Aufgrund der Feuergefahr durften die aus Holz errichteten S. nicht beheizt werden.

Mike Burkhardt

Literatur: M. Burkhardt, Das Hansekontor in Bergen im Spätmittelalter, HGbll. 124 (2006), 21-70.
Stockfisch

Unter der Bezeichnung S. wurden verschiedene Arten von getrocknetem Fisch zusammengefasst, deren Sortierung und Verpackung genauestens festgelegt war. Die wichtigste Fischart, aus der S.... mehr

Unter der Bezeichnung S. wurden verschiedene Arten von getrocknetem Fisch zusammengefasst, deren Sortierung und Verpackung genauestens festgelegt war. Die wichtigste Fischart, aus der S. hergestellt wurde, war der in Nordnorwegen und Island gefangene Dorsch oder Kabeljau (gadus morrhua). Die Fische wurden nach dem Fang geköpft und ausgenommen und anschließend zum Trocknen an hölzernen Gerüsten aufgehängt. Dazu wurden sie entweder in Paaren an den Schwänzen zusammengebunden oder einzeln der Länge nach gespalten, um eine regelmäßige Luftzufuhr zu gewähren. Nach einer Trockenzeit von vier bis fünf Monaten wurden sie entsprechend der Trockenart und Größe sortiert und zum Stapel an der Deutschen Brücke in Bergen geliefert. S. wurde auf den Märkten in den drei Sorten Rundfisch, rotscher und vlacvisch angeboten, die noch einmal in Güteklassen unterteilt wurden. Aus den Abnehmergebieten, die sich bis nach Südeuropa erstreckten, wurden im Mittelalter wiederholt Klagen über mangelnde Qualität oder falsche Beschriftung von S.tonnen vorgebracht.

Mike Burkhardt

Literatur: M. Burkhardt, Der hansische Bergenhandel im Spätmittelalter, 2009, 141-43.
Stockholm

S. ist eine schwedische Handelsstadt am Übergang des Mälaren in die Ostsee, zwischen den beiden schwedischen Len von Södermanland und Uppland. Die Bedeutung des Namens S. ist umstritten, bedeutet... mehr

S. ist eine schwedische Handelsstadt am Übergang des Mälaren in die Ostsee, zwischen den beiden schwedischen Len von Södermanland und Uppland. Die Bedeutung des Namens S. ist umstritten, bedeutet wahrscheinlich “Insel im Strom” (Gustaf Brynnel, 1965). Der Name wird 1252 erstmals als Ausstellungsort einer königlichen Urkunde erwähnt (SDHK, Nr. 665). S. wird allgemein mit der Verschiebung der Handelsströme im Mälardeltar erst von Birka (8.-10. Jh.) nach Sigtuna (10.-13. Jh.) und dann von Sigtuna nach S. in Verbindung gebracht. Nach der Visbychronik wurde S. nach 1187 gegründet, als Folge der Zerstörung Sigtunas; nach anderen Traditionen wird die Stadtgründung König Birger Jarl (Anfang 13. Jh.) zugeschrieben. Die Bedeutung S.s lag vor allem in der Funktion als Ausschiffungshafens von schwedischem Eisen aus dem Bergslagen um die Stadt Örebro herum, aber auch als Umschlaghafen in Richtung Finnland, Baltikum und Russland.

S. besteht aus mehreren Inseln im Mälaren, von denen die Altstadt und das Schloss auf dem Stadsholmen angesiedelt sind, dem im Norden der Helgeandsholmen vorgelagert ist, auf dem im 13. Jh. ein Heilig-Geist-Hospital gegründet wurde. Im Süden liegt die Insel Kidaskär, die ihren Namen nach dem im 13. Jh. gestifteten Graubrüderkloster in Gråbrödraholmen (heute Riddarholmen) veränderte. Vom Helgeandsholmen gab es eine Verbindung zum nördlich gelegenen Festland, dem Nordmalm, mit dem Brunkebjerg. Zu Mitte des 13. Jh.s und im 15. Jh. wurden Helgeandsholmen und Stadsholmen mit einer Stadtmauer versehen, die die Stadt nach Norden, aber nicht nach Süden umschloss. Die Stadt hatte bis ins 15. Jh. ca. 4.000 Einwohner, expandierte mit der Etablierung der Zentralregierung im 16. u. 17. Jh. aber schnell auf 10.000 Einwohner und griff auf das nördliche und südliche Ufer aus. Heute ist S. die mit Abstand größte schwedische Stadt.

Am nordöstlichen Ende des Stadsholmen befand sich seit dem 10. Jh. eine Seesperre, die seit dem 12. Jh. mit einer Burg versehen war. Diese Burg entwickelte sich seit dem 13. Jh. zu einer der wichtigsten schwedische Reichsfestungen, die seit dem 16. Jh. Tre Kronor genannt wurde und den Vorgängerbau des jetzigen Schlosses darstellt. Die Burg entwickelte sich im Laufe des Mittelalters zum Zentralsitz der schwedische Könige. Die Burg war durch eine Freifläche von der Stadtkirche, Storkyrka, (St. Nicolai; gegründet nach 1187, ca. 1260 als eigene Pfarrkirche, 1279 erstmals erwähnt) und der Stadt getrennt.

In S. fand spätestens seit dem Lübeck-Traktat König Birger Jarls aus dem Jahr 1250 eine starke niederdeutsche Einwanderung statt. Den Deutschen war bis 1471 gemäß des schwedischen Stadtrechtes die Hälfte der Ratssitze und des Bürgermeisteramtes zugesprochen, wobei die Herkunft des Vaters ausschlaggebend für die Einordnung des Sohnes war. Nach der Abschaffung der Regelung 1471 gingen die meisten der deutschen Ratsherren in den schwedischen Rat über, nur einige wenige wanderten nach Lübeck aus. Die S.er niederdeutschen Familien standen im engen Connubium zu den Bürgern der anderen Hansestädte und gingen enge Handelsverbindungen mit diesen ein. Die Deutschen waren u.a. in der Gertrudsgilde vertreten, deren Bruderschaftsbuch überliefert ist, und sie besitzen bis heute ihre eigene, 1571 gegründete dt. Kirche, St. Gertrud.

1366 war S. auf dem Tag der Seestädte zu Lübeck vertreten (HR I.1, Nr. 376) wie auch der Pfundzoll von 1362-1363 in der Stadt erhoben wurde (HR I.1, Nr. 290). Im Kampf zwischen König Albrecht von Schweden und Königin Margarethe von Norwegen um die schwedische Krone übernahmen die Hansestädte zweitweise die Verwaltung der Stadt. Die weitere Stellung der Stadt zur Hanse ist unsicher, nach 1471 gab es aber starke schwedische Nationalisierungstendenzen, obgleich der Handel in gleichen Bahnen fortgesetzt wurde.

Der S.er Handel innerhalb des Reiches, mit der Hanse und den anderen Ostseeanrainern war umfangreich. Die Stadt war zudem der Haupthandelsort im Bottnischen Meerbusen. Zu den Handelswaren zählten besonders schwedisches Osemund (Eisen) aus dem Bergslagen, Kupfer aus dem Bergwerk zu Falun sowie Produkte der schwedischen Landwirtschaft.

 Die Quellenlage zur Geschichte der Stadt ist gut. So sind u.a. die Stadtbücher, Tänkeböcker, von 1474-1660, sowie die Steuerbücher, Skotteböcker, von 1430-1525 (mit Unterbrechungen), u.a. Quellen erhalten.

Carsten Jahnke

Literatur: G. Bolin, Stockholms Uppkomst, 1933; W. Koppe, Lübeck-Stockholmer Handelsgeschichte im 14. Jh., 1933; E. Weinauge, Die deutsche Bevölkerung im mittelalterlichen Stockholm, 1942 (eingeschränkt nutzbar); C. Weibull, Lübecks sjöfart och handel på de nordiska rikena 1368 och 1398-1400, in: Scandia, XXXII (1966); A. Ödman, Stockholms tre borgar: från vikingatida spärrfäste till medeltida kastellborg, 1987; M. Lamberg, Dannemännen i stadens råd, 2001.
Strafvollzug

Bis ins 17./18. Jh. hinein bestand das öffentliche Strafensystem im Hanseraum ebenso wie in ganz Europa weitgehend aus Ehren-, peinigenden Leibes- und Todesstrafen. Die Beschränkung der... mehr

Bis ins 17./18. Jh. hinein bestand das öffentliche Strafensystem im Hanseraum ebenso wie in ganz Europa weitgehend aus Ehren-, peinigenden Leibes- und Todesstrafen. Die Beschränkung der persönlichen Freiheit hatte noch keinen eigentlichen Strafcharakter, sondern diente anderen Zwecken (Schuldturm, Festhalten von Geiseln, zur Folter oder vor der Hinrichtung). Der St. war vor allem in territorial zersplitterten Regionen wegen fehlender staatlicher Zentralgewalt sehr unregelmäßig. Folter und grausame Strafen trafen nur einen kleinen Teil der Straftäter, vor allem Fremde, Unangepasste und landschädliche Leute. Anfänge einer überörtlichen Verbrechensbekämpfung durch Informationsaustausch zwischen den Städten lassen sich im Hanseraum im späten 15. Jh. ausmachen (Kieler Varbuch).

Albrecht Cordes

Quellen: Das Kieler Varbuch (1465–1546), hrsg. H. Luppe, 1889.

Literatur: H. Rüping, G. Jerouschek, Grundriss der Strafrechtsgeschichte, 6. Aufl. 2011; W. Sellert, Art. Landschädliche Leute, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte III, 2. Aufl. 2016, 1027-31; G. Peters, Kriminalität und Strafrecht in Kiel im ausgehenden Mittelalter. Das Varbuch als Quelle zur Rechts- und Sozialgeschichte, 2017.
Strandrecht

Unter S. wird das Herrschafts- und Verfügungsrecht des Landesherrn über das Küstengebiet verstanden. Praktische Bedeutung erlangte es aber v.a. in seiner Bedeutung als Strandungsrecht. So stellten... mehr

Unter S. wird das Herrschafts- und Verfügungsrecht des Landesherrn über das Küstengebiet verstanden. Praktische Bedeutung erlangte es aber v.a. in seiner Bedeutung als Strandungsrecht. So stellten manche Regelungen Strandungsgut in das Eigentum des Landesherrn, gestanden aber der gestrandeten Besatzung ein Aneignungsrecht an ihrer Schiffsladung zu. Nach anderen Ordnungen erhielt der Landesherr immer ein Drittel des Wertes. Die Hansestädte, die anfänglich besonders die küstennahe Schifffahrt bevorzugten, waren nicht nur vom S., sondern auch vom Strandraub durch die Küstenbewohner stark betroffen. Letzteres war seit der Antike umstritten und wurde vielfach nicht als Gewohnheitsrecht der Küstenbewohner anerkannt, sondern als Diebstahl verfolgt.

 Ausnahmen vom S. erzielten die Hanse und auch einzelne Hansestädte wie Lübeck durch Vereinbarung vereinzelter Privilegien (Bsp.: flandrisches Privileg von 1253). 1415 verbot Kaiser Sigismund schließlich auf Reichsebene die Ausübung des S.s gegen Schiffsbrüchige, vor allem gegen die Kaufleute der deutschen Hanse, vorbehaltlich der Zahlung eines Bergelohnes (Privileg vom 23.02.1415).

Sonja Breustedt

Literatur: H.P. Glöckner, Art. Strandrecht, Strandregal, in: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, 5, 1998, 19-26; N. Hansen, Strandrecht und Strandraub, Kieler Blätter zur Volkskunde 33 (2001), 51-78.
Sudermann, Dr. Heinrich

(geb. 15. 8. 1520 in Köln, gest. 7. 9. (?) 1591 in Lübeck). Nach dem Studium der Artes und dem der Rechte war S., der einer angesehenen Kölner Patrizierfamilie entstammte, zunächst am... mehr

(geb. 15. 8. 1520 in Köln, gest. 7. 9. (?) 1591 in Lübeck). Nach dem Studium der Artes und dem der Rechte war S., der einer angesehenen Kölner Patrizierfamilie entstammte, zunächst am Reichskammergericht in Speyer tätig, kehrte aber bald nach Köln zurück. Hier war er seit 1552 im Auftrag der Stadt mit hansischen Angelegenheiten befasst: der Erstellung juristischer Gutachten über die Rechte der Hanse in England, der Teilnahme an hansischen Tagfahrten und Gesandtschaften nach England. Auch die 1554 beschlossenen neuen Statuten des Londoner Kontors gingen auf einen Entwurf S.s zurück. 1556 wurde er zum ersten Syndikus der Hanse berufen. Seine Aufgaben bestanden in der regelmäßigen Teilnahme an den Hansetagen, der Erarbeitung schriftlicher Vorlagen für die Beratungen, der Mitwirkung an hansischen Gesandtschaften sowie der Sammlung der wichtigsten Privilegien und Tagfahrtsbeschlüsse. Darüber hinaus sollte er eine Chronik der „großmächtigen Taten“ der Hanse verfassen und ein hansisches Seerecht entwerfen. Sein Hauptaugenmerk galt der Neuordnung der Hanse, die er auf eine festere bündische Grundlage stellen wollte – diesem Ziel dienten die 1557 und 1579 beschlossenen „Konföderationsnoteln“ –, sowie der Konsolidierung der hansisch-englischen und der hansisch-niederländischen Beziehungen. Gerade die erstgenannten waren durch wechselseitige Behinderungen stark belastet. Erschwerend kam hinzu, dass  die englischen Merchant Adventurers gegen den Widerstand S.s und der Hanse in Emden und Hamburg (später in Elbing und Stade) Aufnahme fanden und großzügig privilegiert wurden. Als Hamburg 1577 die Vereinbarungen mit den Engländern nicht verlängerte, antwortete Elisabeth I. 1579 mit dem Entzug der hansischen Privilegien in England. S. gelang es nicht, einen Ausgleich mit England, geschweige denn die Restitution der Privilegien durchzusetzen. Zu unvereinbar waren die hansischen Vorstellungen von der Gültigkeit der Privilegien und das Verständnis von moderner Staatlichkeit auf der englischen Seite. Als hinderlich erwiesen sich zudem die Interessensgegensätze innerhalb der Hanse. Handlungsbedarf bestand auch bezüglich der Verhältnisse in den Niederlanden. Seit 1531 befand sich das Brügger Kontor faktisch in Antwerpen, und viele hansische Kaufleute hatten sich dort niedergelassen. In der Absicht, ihnen einen organisatorischen Mittelpunkt zu geben, ließ S. zwischen 1564 und 1568 mit großem Kostenaufwand ein prächtiges Kontorgebäude errichten. Allerdings erwies sich der Bau als grandioser Fehlschlag. Die meisten Kaufleute weigerten sich, das Gebäude zu beziehen, und als im Zuge der konfessionellen Gegensätze in den Niederlanden Antwerpen von span. Truppen überfallen und das Kontorgebäude mehrfach geplündert wurde, verlor Antwerpen auch seine Bedeutung als Zielort des hansischen Handels. – S.s rastlosen Einsatz für die Angelegenheiten der Hanse hat diese nicht belohnt und jahrelang weder das vereinbarte Gehalt gezahlt noch die entstandenen Auslagen erstattet, was zu einer wachsenden Verbitterung S.s führte. Am Ende beliefen sich die ausstehenden Forderungen auf rd. 20.000 Taler, von denen erst nach seinem Tod ein Teil an die Erben ausbezahlt wurde.

Volker Henn

Literatur: K. Wriedt, H. S., in: Rhein. Lebensbilder, Bd. 10, hrsg. W. Janssen, 1985, 31-45; H. Langer, Gestalten der Spätzeit: Die Syndici der Hanse, in: Akteure und Gegner der Hanse, hrsg. D. Kattinger, H. Wernicke, 1998, 219-230; T. H. Lloyd, England and the German Hanse, 1991, 292-362; V. Henn, H. S., Hansesyndikus und Politiker: www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/S/Seiten/HeinrichSudermann.aspx.
Sund

Der (Öre-)S. ist der östlichste der drei Eingänge zur → Ostsee. Er erstreckt sich von der Linie Gilbjerg Hoved (westlich von Gilleleje) - Kullen im Norden bis zur Linie Stevns Leuchtfeuer -... mehr

Der (Öre-)S. ist der östlichste der drei Eingänge zur → Ostsee. Er erstreckt sich von der Linie Gilbjerg Hoved (westlich von Gilleleje) - Kullen im Norden bis zur Linie Stevns Leuchtfeuer - Falsterbo im Süden und trennt Schonen im Osten von Seeland im Westen. Er hat eine Länge von 118 km und ist zwischen 4 und 28 km breit. Die Durchschnittstiefe beträgt 11 m, bei Helsingborg 40 m. Der Name Öres. bedeutet “schmales Fahrwasser mit steinigem Strand”. Die im Süden des S.es liegenden, gefährlichen Fahrwasser vor Skanör auf der Halbinsel Halör (Halbinsel von Falsterbo) standen namengebend für das nördliche Europa (Skaðinaujō, Schadensinsel, lat. Scadinauia bei Plinius d.Ä.). Zur Sicherung der Durchfahrt wurde auf Bitten Lübecks hier 1225 das erste Leuchtfeuer der Ostsee errichtet (HUB I, 195). Der S. war, trotz seiner geringen Tiefe, im Mittelalter der wichtigste Verbindungsweg zwischen Kattegat und Ostsee. Hierdurch verlief fast der gesamte Schiffsverkehr in und aus der Ostsee. Seit dem 10. Jh. gehörte der S. zu Dänemark und die dänischen Könige erhoben einen direkten Herrschaftsanspruch auf das Gewässer. Seit 1429 forderten sie an dessen schmalster Stelle bei Helsingborg den → S.zoll. Der S. diente zugleich der Heringsfischerei. An seinen Küsten entstanden am Ende des 12. Jh. Nordeuropas wichtigste Handels- und Fischmessen, die → Schonischen Messen. S.hering dominierte bis zum 15. Jh. den gesamten europäischen Markt. Aus den Messen entstanden die Städte von Malmö, Kopenhagen, Landskrona und Helsingborg. Seit der Zeit Erichs von Pommern befindet sich die Hauptstadt Dänemarks am S., erst (geplant) Landskrona (die “Krone des Landes”), dann Kopenhagen. Seit der Annexion Schonens durch die Schweden 1658 verläuft die Grenze zwischen Schweden und Dänemark inmitten des S., wobei die Fahrrinne zu Schweden gehört. Der dänische König behielt aber das Passagezollrecht.

Carsten Jahnke

Literatur: P. Borschberg, M. North, Transcending borders: the sea as a realm of memory, in: Asia Europe Journal 8 (2010), 279-92.
Sundzoll

Der S. sowie der sogenannte Belt- oder Stromzoll sind Passagezölle, die der dänische König für die Nutzung des Öresundes sowie des Großen und Kleinen Beltes erhob, da nach dänischer... mehr

Der S. sowie der sogenannte Belt- oder Stromzoll sind Passagezölle, die der dänische König für die Nutzung des Öresundes sowie des Großen und Kleinen Beltes erhob, da nach dänischer Rechtsauffassung diese Gewässer sein Eigentum waren. Die Zölle lösten seit 1423/1429 die → Umlandfahrer- und schonischen Marktzölle ab, die durch ausbleibende Anpassung der Privilegien unrentabel geworden waren. Am Öresund wurde der Zoll am Schloss von Helsingör/Elsinore, Kronborg/Krogen, erhoben. Hierdurch wurde Helsingör zur wichtigsten Informationsdrehscheibe Nordeuropas. Der Zollsatz betrug seit 1429 1 Rosennobel per Schiff, wurde aber seit 1587 auf die Ladung erhoben. Der Widerstand der Hansestädte führte zu zahlreichen Sonderregelungen bei den Zollsätzen. Da der S. nur aufgrund der Angaben der Schiffer ermittelt wurde, ist ein ausgeprägter Zollbetrug zu beobachten. Der Zoll war persönliches Eigentum des Königs, der die Zollsätze lange geheim hielt. Die Einnahmen ermöglichten den dänischen Königen eine große Handlungsfreiheit und machten einen sehr großen Teil des königlichen Budgets aus. Die Verzeichnisse des S.s sind für den Zeitraum von 1497 bis 1857 überliefert und online zugänglich (http://www.soundtoll.nl). 1857 wurden die dänischen Passagezölle auf amerikanischen Druck in der Konvention von Kopenhagen abgeschafft.

Carsten Jahnke

Literatur: K. Hørby, Øresundstolden og den skånske skibstold, in: Middelalder Studier, Tilegnede Aksel E. Christensen på treårsdagen, 1966, 245-72; Tolden i Sundet, hrsg. O. Degn, 2010.
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