Hanse­Lexikon
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Buchstabe L

Lastadie

L. (franz. lastage), ursprünglich ein Platz, um Schiffsladungen zu lagern; die Bezeichnung ging auf die Schiffbauplätze in den Städten des Nord- und Ostseeraumes über. Diese befanden sich... mehr

L. (franz. lastage), ursprünglich ein Platz, um Schiffsladungen zu lagern; die Bezeichnung ging auf die Schiffbauplätze in den Städten des Nord- und Ostseeraumes über. Diese befanden sich an einem breiten Gewässer (Fluss/Meer) und verfügten über eine Schräge, mittelniederdeutsch hellinge. Auf L.n wurden seegehende, aber auch kleinere Fahrzeuge gebaut oder ausgebessert. Spätestens seit Ende des 16. Jh. waren die Hellingen mit einem hölzernen Slip ausgestattet, auf dem man die Fahrzeuge zu Wasser ließ oder an Land holte. Das belegen Beispiele aus den Niederlanden (Schiffsarchäologie). Nach Bildquellen sowie Stadtplänen zu urteilen, besaßen Schiffbauplätze keine oder nur teilweise eine Umzäunung. Ihre Zugänge wurden auch nicht, wie bei Kriegswerften, mithilfe verschließbarer und bewachter Tore gesichert. L.n konnten vom städtischen Weichbild durch Flussläufe getrennt sein beziehungsweise sich auf einer Insel vor der Stadt befinden. Man legte sie neben Wirtschaftsbereichen wie Häfen, Bauhöfen oder Speichern an. Darauf weisen auch archäologische Funde. Auf dem Schiffbaugelände errichtete Scheunen dienten als Lagerräume für Werkzeug, Holz und Baugerät. Die Areale waren Teil des städtischen Grundeigentums und wurden an die Schiffbauer verpachtet. Der Bau der Fahrzeuge erfolgte durch Zimmer- beziehungsweise Werkleute. Andere Handwerker wie Schmiede und Reeper beteiligten sich an der Ausrüstung der Schiffe. Durch Ordnungen nahmen seit dem 15. Jh. zuerst die Hanse, im 16./17. Jh. vor allem die einzelnen Städte Einfluss auf den eigenen → Schiffbau. Wichtig war hierbei der Schutz vor auswärtiger Konkurrenz. L. waren Ausgangspunkt oder Teil von Stadterweiterungen.

Thomas Brück

Literatur: E. Lehmann, Von der Lastadie zur Kompaktwerft, in: Seetransport in Geschichte und Gegenwart, hrsg. H.-J. Braun, 2005, 11-40; J. Gawronski, The Hogendijk Shipyard in Zaandam and the VOC Shipyard Oostenburg in Amsterdam. Examples of Recent Archaeological Slipway Research in the Netherlands, in: Boats, Ships and Shipyards, hrsg. C. Beltrane, 2003, 132-43.
Leinen

L., pannum lineum, tela linea (lat.) bzw. lu- (lo-, le-, li-)want, -went (mnd.) ist ein aus → Flachs gefertigtes Gewebe. L. wurde als... mehr

L., pannum lineum, tela linea (lat.) bzw. lu- (lo-, le-, li-)want, -went (mnd.) ist ein aus → Flachs gefertigtes Gewebe. L. wurde als Bekleidungstextilie und als Haushaltstextilie vielseitig eingesetzt. Zentren der kommerziellen L.-Herstellung entstanden im Mittelalter in natürlichen Flachsanbaugebieten in Frankreich, Italien, den Niederlanden und dem deutschen Raum. Bis ins 12. Jh. herrschte die ländliche Hausindustrie für den lokalen Verbrauch vor. Seit dem 13. Jh. nahm die Zahl städtischer Webergilden zu. Seit Mitte des 14. Jh. wurde L. massenhaft über weite Strecken gehandelt. Herrschten noch um 1400 regionale Sortenbezeichnungen im Handel vor (z.B. Westfale), so dominierten im 15. Jh. städtische Sortennamen (z.B. Göttinger, Osnabrücker L.). Parallel wurden für die Produktionsorte und ihr Hinterland Qualitätsstandards und -kontrollen eingeführt. Im Hanseraum wurde L. für den Fernhandel im Spätmittelalter in Westfalen, Niedersachsen, den wendischen Städten und Preußen hergestellt und über den hansischen Handel v.a. nach England, aber auch in die Niederlande, nach Skandinavien und Russland gehandelt.

Angela Ling Huang

Literatur: H. Hohls, Leinwandhandel in Norddeutschland vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert, HGbll. 31 (1926), 116-58; A. Huang, Die Textilien des Hanseraums, 2014.
Lemberg, Tideman

(auch: Limberg, Tidemann, geb. um 1310 in Dortmund, gest. 29. 7. 1386 in Kön). Der aus Dortmund stammende Kaufmann war zwischen 1340 und 1350 als Mitglied, später an der Spitze verschiedener... mehr

(auch: Limberg, Tidemann, geb. um 1310 in Dortmund, gest. 29. 7. 1386 in Kön). Der aus Dortmund stammende Kaufmann war zwischen 1340 und 1350 als Mitglied, später an der Spitze verschiedener Gläubigerkonsortien einer der wichtigsten Geldgeber des engl. Königs Edward III. während des Hundertjährigen Krieges, nachdem die italienischen Bankhäuser als Kreditgeber nicht mehr zur Verfügung standen. Gemeinsam mit westfälischen und engl. Kaufleuten, aber auch als privater Financier vermittelte er dem engl. König Darlehen in einer Gesamthöhe von vermutlich mehr als £ 80.000. Quellenbedingt lassen sich die Geschäfte im Einzelnen allerdings kaum nachvollziehen. Basis der Schuldentilgung waren die Wollexporte in der Form von Ausfuhrlizenzen für bestimmte Mengen an Wolle, Zollvergünstigungen oder Anweisungen auf die Zolleinnahmen, die den Gläubigern ansehnliche Gewinne einbrachten. Da L. zeitweilig im Besitz des Gegenstempels zum königlichen Wollsiegel („cocket-seal“) war, kontrollierte er in dieser Zeit die gesamten englischen Wollexporte. Das besondere Vertrauen des Königs erwarb sich L., als er 1343 einen Kredit zum Rückkauf der an den Trierer Ebf. verpfändeten „großen Krone“ sowie der Kölner Bürgern verpfändeten Kronjuwelen organisierte. 1347 erwarb L. das Recht, Zinn in Cornwall und Devon aufzukaufen, pachtete für etwas mehr als drei Jahre den Schlagschatz aller dortigen Zinnminen und sicherte sich zudem die gesamten Zolleinnahmen aller Zinnausfuhren. Ob das Zinngeschäft L.s jedoch so einträglich war, wie oft behauptet wird, ist fraglich, zumal die Zinnförderung in England gerade in den ausgehenden 1340er Jahren deutlich zurückging. Als 1352 über die Kredite abgerechnet wurde, zeigten sich, wie auch früher schon, manche Unstimmigkeiten, so dass L. verschiedentlich in Beweisnot geriet. 1354 verließ er England, kehrte aber schon wenige Jahre später zurück, pachtete die Silber- und Kupfergruben in Alston Moor (Cumbria) und organisierte zusammen mit seinen westfälischen Geschäftspartnern noch einmal ein Darlehen zugunsten des Königs. Aber er konnte in England nicht mehr Fuß fassen und verließ 1363 endgültig die Insel. Zunächst ging er in seine Heimatstadt Dortmund, bald aber wieder nach Köln, wo er bis zu seinem Tode weiterhin in Geldgeschäften und im Weinhandel tätig war.

Volker Henn

Literatur: L. von Winterfeld, T. L. Ein Dortmunder Kaufmannsleben aus dem 14. Jh., 1927; I.-M. Peters, Hansekaufleute als Gläubiger der englischen Krone (1294-1350), 1978, 180-300; V. Henn, Tideman Lemberg – ein Dortmunder Hansekaufmann des 14. Jahrhunderts, in: Akteure und Gegner der Hanse, hrsg. D. Kattinger, H. Wernicke, 1998, 37-51.
Lemsal

(lett. Limbaži), Burg des Rigaer Bischofs/Erzbischofs (seit 1255) und umzäunte Siedlung (Hakelwerk), ca. 20 km von der Ostseeküste entfernt. L. wird 1362 als Stadt bezeichnet und erhielt um 1385... mehr

(lett. Limbaži), Burg des Rigaer Bischofs/Erzbischofs (seit 1255) und umzäunte Siedlung (Hakelwerk), ca. 20 km von der Ostseeküste entfernt. L. wird 1362 als Stadt bezeichnet und erhielt um 1385 Rigaer Stadtrecht (Bürgermeister erwähnt 1418, Rat, Gilden). Als Mitglied der Hanse wird es 1405, 1434-1435 genannt. Es besaß einen eigenen Hafen an der Mündung der Salis (lett. Salaca) ins Meer, Stadtmauern, zwei Kirchen und zwei Klöster. Die Stadt unterstand dem Rigaer Erzbischof. Im Mittelalter unterhielt L. direkte Beziehungen zu Lübeck. Im 16. Jh. folgte der Niedergang der Stadt. Die Burg war Sommerresidenz des Rigaer Erzbischofs, im 14. Jh. zeitweilig in der Hand des Deutschen Ordens.

Pawel Jeziorski

Literatur: C. Mettig, Baltische Städte, 2. Aufl. 1905, 50-58.
Literatur

Konzepte wie ‚L. der Hansestädte’ oder ‚hansische L.’ können aufgrund des Fehlens eindeutiger geographischer, sprachlicher oder inhaltlicher Kriterien nicht im Sinne eines verbindlichen Korpus... mehr

Konzepte wie ‚L. der Hansestädte’ oder ‚hansische L.’ können aufgrund des Fehlens eindeutiger geographischer, sprachlicher oder inhaltlicher Kriterien nicht im Sinne eines verbindlichen Korpus definiert werden. Als praktikabler Kompromiss wird hier diejenige L. behandelt, die während der Blütezeit der Hanse im mittelniederdeutschen Sprachraum entstand. Damit wäre grob die Spanne vom 13. bis zum 15. Jh. umrissen, mit einzelnen Ausläufern in frühere und spätere Zeiten, um keine wichtigen Textzeugnisse auszugrenzen. Grundlage ist ein weiter L.begriff, der dem umfangreichen Gebrauchsschrifttum gerecht wird. Im Folgenden werden anhand von vier Funktionsbereichen die wichtigsten Textgruppen z.T. exemplarisch vorgestellt.

I. Kaufmännische Schriftlichkeit. Mit den Hanserezessen liegt eine der wichtigsten Quellen zur Hanse vor. Weitere im Umkreis der Hanse zu verortende Urkunden gehören ebenso in diese Gruppe wie Texte aus dem Umfeld der kaufmännischen Tätigkeit. So sind verschiedene kaufmännische Aufzeichnungen und Korrespondenzen erhalten, wie der umfangreiche Briefwechsel der Familie Veckinchusen (Ende 14./ Anfang 15. Jh.). Bürgerlich-kaufmännische Moral schlägt sich z.B. nieder im Traktat Kopenschopp to voren (1474), das ethisches Handeln eines rechtschaffenen Kaufmanns festlegt. Verbindliche Regelungsfunktion übten die aus vielen Hansestädten bekannten Kaufmannsordnungen aus. Die große Bedeutung der Schifffahrt für die Hanse lässt sich aus Texten wie dem Seebuch (15. Jh.) herauslesen. Der Augenzeugenbericht eines Seeräuberangriffs durch den Fehmarner Piraten Marten Pechlin liegt vor in einer Notiz des Bergenfahrers Gerd Korffmaker (1526).

II. Chroniken und Gebrauchsschrifttum. Generell ist das aus den Hansestädten überlieferte Gebrauchsschrifttum äußerst vielfältig. In erster Linie sind hier Stadtbücher bzw. Stadtrechte zu nennen. Ein Bild des Alltags vermitteln vor allem Texte, die das Gemeinschaftswesen regeln, wie z.B. Kleiderordnungen u.ä; hierher gehören auch die Burspraken. Wichtiges urkundliches Quellenmaterial liegt in stadtbürgerlichen Testamenten vor. Chronistisches Schrifttum  liefert auch Hinweise auf das zeitgenössische Geschichtsbewusststein und mentalitätsgeschichtliche Kontexte. Neben Weltchroniken (z.B. der Sächsischen Weltchronik des Eike von Repgow, dem Verfasser des Sachsenspiegels) ist hier vor allem die lokale Chronistik zu nennen (Beispiele: Cronecken der Sassen [1492], Magdeburger Schöppenchronik [1350-1516]; von grundlegender Bedeutung für die Hansegeschichte ist die Lübecker Chronistik [Cronica novella, Rufus-Chronik, Detmar-Chronik]). Über die Braunschweigische Stadtgeschichte berichtet z.B. das Schichtbuch von Hermen Bote; sein Bok van veleme rade bedient sich der Allegorie, um städtisches Zusammenleben zu thematisieren. Ständische Thematik behandelt auch das Schachbuch des Meisters Stephan aus → Dorpat (Tartu), eine Übersetzung aus dem  Lateinischen (14. Jh., Jacobus de Cessolis). Des Weiteren ist aus allen wissenschaftlichen Disziplinen und handwerklichen Bereichen umfangreiche Fachliteratur überliefert, aus der Medizin z.B. das Stockholmer Arzneibuch (2. Hälfte 15. Jh.).

III. Selbstzeugnisse. Aufkeimendes bürgerliches Selbstbewusstsein führt im Spätmittelalter zu einer vermehrten Produktion von Autobiographien. Hierzu gehören Selbstzeugnisse wie z.B. das Diarium des Henning Brandis, Bürgermeister von Hildesheim (Ende 15./ Anfang 16. Jh.) oder die Aufzeichnungen des Lüneburger Bürgermeisters Hinrik Lange (verfasst wohl 1455/56). Auf der anderen Seite sind aber auch viele Texte überliefert, die nur autobiographische Einsprengsel enthalten, ohne als echter Lebensbericht konzipiert zu sein. Ein lebendiges Bild vom Alltag in einer Hansestadt des 16. Jahrhunderts vermitteln die Denkwürdigkeiten des Stralsunder Dekans Johannes Oldecop. Bereits auf Hochdeutsch verfasst ist die Autobiographie des Stralsunder Bürgermeisters Bartholomäus Sastrow (1595). In die Reihe der Selbstzeugnisse gehören auch Privatbriefe.

IV. Dichtung. Die Hansestädte treten als Produktions- und Rezeptionsstätten einer reichen Dichtung in Erscheinung. Im Spätmittelalter trägt der Buchdruck maßgeblich zur Entwicklung der L. bei. Wichtige Druckorte waren Lübeck, Hamburg, Rostock, Magdeburg und Leipzig. In der Lübecker Mohnkopf-Offizin erschienen z.B. Dat narren schyp (1497, eine Bearbeitung des hochdeutschen Werkes von Sebastian Brant, 1494) und das Tierepos → Reynke de vos (1498), das u.a. auf niederländischen Quellen beruht und als einer der Höhepunkte mittelniederdeutscher Dichtung gilt. Thematisch stellt es sich dem Magdeburger Aesop (frühes 15. Jh.) an die Seite. Einer jahrhundertealten rhetorischen Tradition entstammt das Stadtlob. Bekannte lateinische Stadtlob-Dichtungen kommen z.B. aus Hamburg und Lübeck; es ist jedoch auch ein niederdeutsches Stadtlob aus Braunschweig überliefert (14./ 15. Jh.). Höfisch-ritterliche Romanliteratur ist im Mittelniederdeutschen nur marginal überliefert. Aus den wenigen Zeugnissen ragen Flos und Blankeflos (14./ 15. Jh.) sowie Valentin unde Namelos (14. Jh.) hervor; eine kürzere Verserzählung ist in der Schwanknovelle De deif van Brügge (15. Jh) erhalten.

 Mittelniederdeutsches Liedgut bewahrt z.B. das Rostocker Liederbuch;  vor allem auch das historische Lied ist vielfach bezeugt. Trost, Erbauung und Ermahnung liefert die geistliche Dichtung. Der monumentale Lübecker Totentanz in St. Marien von 1463 ist wohl eines der wichtigsten Beispiele. Insgesamt liegt im Niederdeutschen ein umfangreiches religiöses Schrifttum vor. Neben lyrischen Texten, u.a. einer umfangreichen Mariendichtung, gibt es v.a. didaktische Werke (z.B. der Große Seelentrost (14. Jh.)). Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch Bibeldichtung und -übersetzung. Den vorlutherischen niederdeutschen Vollbibeln (Lübeck, Köln, Halberstadt) folgte 1533/34 die Bugenhagen-Bibel. Um genuin städtische, volkssprachige L. handelt es sich beim Schauspiel (z.B. Redentiner Osterspiel, 1464). Neben geistlichen Dramen waren Schwänke und Fastnachtspiele beliebt (z.B. das Henselyns boek, eine überarbeitete Fassung des Spiels Van der rechtverdicheit, 1484; bedeutend auch der Düdesche Schlömer von Johannes Stricker [1584], eine Art Jedermann-Drama). Zuletzt sei das Buch vom niedersächsischen Volkshelden Dyl Ulenspegel erwähnt (wohl frühes 16. Jh.), dessen ursprüngliche niederdeutsche Fassung aber verloren ist.

Susanne Warda

Quellen: W. Stammler, Mittelniederdeutsches Lesebuch, 1921; Tausend Jahre Plattdeutsch, hrsg. C. Borchling, H. Quistorf, 1927-29; A. Lasch, Aus alten mittelniederdeutschen Stadtbüchern, 2. Aufl., 1987; Spuren der Vergangenheit für die Gegenwart, hrsg. J. Meier, D. Möhn, 2008.

Literatur: G. Cordes, Mittelniederdeutsche Dichtung und Gebrauchsliteratur, in: Handbuch zur niederdeutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, hrsg. G. Cordes, D. Möhn, 1983, 351-90.
Lösegeld

Das Römische Recht gab dem Sieger im gerechten Krieg die volle Verfügungsgewalt über Leib und Leben des Besiegten. Bei Konflikten unter Christen wurde vom Gewalthaber mehr und mehr erwartet, das... mehr

Das Römische Recht gab dem Sieger im gerechten Krieg die volle Verfügungsgewalt über Leib und Leben des Besiegten. Bei Konflikten unter Christen wurde vom Gewalthaber mehr und mehr erwartet, das Leben von Gefangenen zu schonen, soweit dem nicht militärische Notwendigkeiten entgegenstanden. Hinzu kam, dass Gefangene je nach Status Ertrag durch L. (Ranzionierung, von lat. redemptio) versprachen. Im spätmittelalterlichen Kriegswesen bildete die Ranzionierung einen entscheidenden Faktor der Refinanzierung, wobei Gefangene zunächst dem Fänger selbst zustanden, zunehmend jedoch von der kriegsführenden Macht beansprucht wurden. Dabei sind 1. Gefangenschaft und Loskauf nach einem Krieg zu unterscheiden von 2. der dauerhaften Unfreiheit (insbesondere durch Weiterverkauf von Gefangenen in interreligiösen Konflikten), 3. der weit verbreiteten Geiselstellung als Garantie und 4. der Geiselnahme zur Erzwingung einer Leistung. Im maritimen Verkehr entspricht dem letzteren Typ die Arrestierung von Schiff und Mannschaft als Repressalie in Handelskonflikten. Die Behandlung der Gefangenen korrelierte dabei mit ihrem angenommenen Wert und damit indirekt mit ihrer ständischen Ehre. Die quellenmäßig häufiger belegbare Annahme, im Römisch-Deutschen Reich sei der Loskauf von Kriegsgefangenen gegenüber der Freilassung gegen Urfehde zurückgetreten, scheint auf Verbote der Ranzionierung etwa im Mainzer Landfrieden von 1103 zurückzugehen. Die Verwandten eines Gefangenen, aber auch ihre Städte oder Gilden waren ideell zum Loskauf ihrer Mitglieder angehalten. Da eine solche Verpflichtung die L.forderungen in die Höhe trieb, versuchten viele Städte, ein Verbot des Loskaufs durchzusetzen. Ein solches vereinbarten etwa Lübeck, Wismar und Rostock im Jahr 1260. Ebenso sollte der Selbstfreikauf durch den Gefangenen sanktioniert werden, um nicht im Nachhinein für unter Zwang erfolgte Zusagen in Kollektivhaftung genommen werden zu können. Freilich war dieses politische Postulat in der Praxis nicht durchsetzbar, und so musste etwa Rostock 1428 seinen Bürgern eine Loskaufgarantie aussprechen. Auch Hamburg hat z.B. im Krieg gegen Dänemark 1429 ff. Gefangene losgekauft. Bleiben diese Formen im spätmittelalterlichen Nordeuropa eher ein ephemeres Phänomen, so wird der Loskauf Gefangener im Mittelmeerraum besonders zwischen den christlichen Mächten und dem Osmanenreich zu einem institutionalisierten Geschäft mit professioneller Vermittlung und obrigkeitlicher Regulierung. Diese führte in den nordeuropäischen Häfen, die mit dem Mittelmeer handelten, im 17. Jahrhundert zur Ausbildung von Almosenkassen und Rückkaufversicherungen gegen „Sklaverei“.

Gregor Rohmann

Literatur: A. Erler, Der Loskauf Gefangener, 1978; W. Ebel, Lübisches Recht, 1971, I, 404-06; M. Ressel, Zwischen Sklavenkassen und Türkenpässen, 2012.
Lübeck

L. nahm aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage die Rolle eines Knotens im Handel zwischen Nord- und Ostseeraum ein. Nach der Zerstörung des slavischen Alt-L. (Liubice), das 6 km... mehr

L. nahm aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage die Rolle eines Knotens im Handel zwischen Nord- und Ostseeraum ein. Nach der Zerstörung des slavischen Alt-L. (Liubice), das 6 km flussabwärts an der Mündung der Schwartau in die Trave lag (1138), wurde L. 1143 von Graf Adolf von Holstein II. und 1159 erneut von Herzog Heinrich dem Löwen auf einer Halbinsel zwischen Trave und Wakenitz gegründet. 1160 ließ Heinrich den Bischofssitz aus Oldenburg nach L. verlegen. Kaiser Friedrich I. Barbarossa eroberte Lübeck 1181 nach dem Sturz Heinrichs. 1188 erwirkte die Stadt im nur als Fälschung von 1225 erhaltenen Barbarossa-Privileg großzügige Freiheiten; u. a. wurden die Grenzen des Lübecker Territoriums bestimmt: Lübeck behielt sich insbesondere vor, die Gebiete entlang der Trave bis nach Travemünde zu kontrollieren und erhielt die Konzession, alle dort innerhalb von zwei Meilen errichteten Burgen niederzureißen. Nach der dänischen Eroberung Nordelbiens 1201 wurden die dänischen Könige Knut VI., später Waldemar II. Stadtherr. Zu diesem Zeitpunkt werden auch erstmals consules in L.er Quellen benannt, sodass davon auszugehen ist, dass zu diesem Zeitpunkt ein weitgehend autonomer Rat bestand. Die Zugehörigkeit zum dänischen Ostseeimperium wurde für L. zu einer Phase wirtschaftlichen Aufbruchs, da es als Ausschiffungshafen für den Transport von Kaufleuten, Ordensrittern und Kreuzzugsteilnehmern diente und somit zu einem Verkehrsknotenpunkt im Ostseeraum wurde. Dabei kam den Lübecker Kaufleuten zugute, dass sie nun unter dem direkten Schutz des dänischen Königs standen, was ihre rechtliche Stellung u. a. im Englandhandel massiv verbesserte. Entgegen älteren Forschungen ist davon auszugehen, dass L.s Rolle als an der Landverbindung zwischen Nord- und Ostsee gelegener Drehscheibe sich erst im Laufe des 13. Jh.s verfestigte. Auch die integrative Wirkung des lübischen Rechts, mit dem viele Städteneugründungen im Ostseeraum bewidmet wurden, wird von neueren Forschungen geringer eingeschätzt. 1226/27 rebellierten Teile der L.er Bevölkerung gegen die dänische Stadtherrschaft und besiegten als Teil einer norddeutschen Fürstenkoalition Waldemar II. 1227 in der Schlacht von Bornhöved. 1226 erwirkte L. ferner am Hofe Kaiser Friedrichs II. den Reichsfreiheitsbrief, der seine verfassungsgeschichtliche Stellung als weitgehend autonome Reichsstadt festigte. Bis 1317 bestimmten König und Kaiser, bisweilen aber auch L. selbst rectores, Im Laufe des 13. Jh.s gelang es dem Rat zudem, die Vogtei und die Nieder- und Hochgerichtsbarkeit in ihre Hand zu bekommen. L. und L.er Bürger erwarben im 13. und 14. Jh. umfangreichen Land- und Pfandbesitz in Sachsen-Lauenburg, Mecklenburg, Ostholstein und Pommern. Das 13. Jh. erscheint als Phase intensiven ökonomischen Wachstums, das sich auch städtebaulich niederschlug. In Auseinandersetzungen mit dem Bischof gelang es L., sich 1317 weitgehend durchzusetzen. Lange Zeit wurden die erfolgreichen Auseinandersetzungen L.s und der Hanse mit dem dänischen König Waldemar IV. als Höhepunkt L.er und hansischer Macht gesehen (Frieden von Stralsund 1370). Wie in vielen anderen Städten kam es auch in L. im ausgehenden 14. Jahrhundert aufgrund der steigenden Verschuldung der Stadt 1380 und 1384 zu Unruhen, die im Ratsstreit zwischen 1406/08-1416 kulminierten, der durch die Intervention Kaiser Sigismunds, des dänischen Königs Erichs und der Hansestädte zugunsten des alten Rats beendet wurde. In der Folge gelang es der führenden Kaufleuteschicht L.s, die Handwerker bis zum Bürgerrezess von 1669 aus dem Rate zu halten. Im Laufe des 14. und 15. Jh. nahm L. eine herausgehobene und weitgehend unangefochtene ökonomische und politische Stellung in der Hanse und im Ostseeraum ein, die im 16. Jahrhundert aufgrund der sich wandelnden weltwirtschaftlichen Bedingungen (Atlantikhandel) zunehmend in Gefahr geriet, auch wenn L. bis in das 17. Jh. hinein in der Hanse und in Nordeuropa von erheblicher politischer Bedeutung war. Insgesamt ist jedoch Kritik an einer travezentrischen Sichtweise auf die Hanse geübt worden. Zwar fand eine große Anzahl von Hansetagen in L. statt und L. fungierte als Knoten in der Informationsvermittlung und Entscheidungsfindung. Doch die Travestadt versuchte auf diesem Wege ihre ökonomischen und politischen Interessen auch gegen die bisweilen erheblich divergierenden Interessen anderer Hansestädte wie Köln und Danzig durchzusetzen und geriet damit in den Verdacht, etwa in der Frage der → Umlandfahrer oder des Englandhandels eigennützig seine Positionen zu vertreten. Eine bisweilen immer noch anzutreffende Gleichsetzung lübischer mit hansischen Interessen führt daher ins Leere. 1530 wurde in L. die Reformation eingeführt. Bürgermeister Jürgen Wullenwever versuchte 1533-1537 in der Grafenfehde als Wortführer einer vormaligen innerstädtischen Opposition nochmals Einfluss auf die Besetzung des dänischen Thrones zu nehmen, scheiterte damit jedoch und wurde hingerichtet. L. engagierte sich stark in den Reorganisationsbemühungen der Hanse  des 16. Jh.s (→ Ende der Hanse) und wurde 1629 gemeinsam mit Bremen und Hamburg als Sachwalter der hansischen Interessen und Liegenschaften beauftragt.  

Philipp Höhn

Literatur: C. Jahnke, The City of Lübeck and the internationality of early hanseatic trade, in: The Hanse in medieval and early modern Europe, hrsg. S. Jenks, J. Wubs-Mrocewicz, 2013, 37-58, Lübeckische Geschichte, hrsg. A. Graßmann, 20084, R. Hammel-Kiesow, Lübeck als Vorbild zahlreicher Städtegründungen im Ostseeraum? Überlegungen zum Verhältnis zwischen geschichtlichen Vorgängen und historiographischer Erklärung, in: Die Stadt im westlichen Ostseeraum. Vorträge zur Stadtgründung und Stadterweiterung im hohen Mittelalter, hrsg. E. Hoffmann, 1995, 263-323.
Lübisches Recht

Das L. war neben dem sächsischen Recht eines der wichtigsten deutschen Partikularrechte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Nach einer von W. Ebel vorgeschlagenen Einteilung bezeichnet L. die... mehr

Das L. war neben dem sächsischen Recht eines der wichtigsten deutschen Partikularrechte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Nach einer von W. Ebel vorgeschlagenen Einteilung bezeichnet L. die gemeinsamen Rechtsgewohnheiten im gesamten lübischen Rechtskreis. Demgegenüber war das Lübecker bzw. lübeckische Recht das innerhalb der Reichsstadt Lübeck geltende Recht, auch wenn es auf andere Städte nicht ausstrahlte. V.a. in der frühen Neuzeit vergrößerten sich die Unterschiede zwischen den einzelnen Städten. Das lag nicht zuletzt an den vielfach erlassenen Policeyordnungen. Der Ursprung des L. ist nicht restlos geklärt. Nach ältesten Privilegien lehnte sich das L. ursprünglich an das Soester Recht an. Vermutlich haben westfälische Siedler bei der Neugründung der Stadt 1158/59 ihre angestammten Rechtsgewohnheiten beibehalten. Schon vor 1200 scheint aber L. zu einem feststehenden Begriff geworden zu sein. Ab dem 13. Jh. sind Stadtrechtsaufzeichnungen überliefert, zunächst in lateinischer, dann in mittelniederdeutscher Sprache. Das revidierte Stadtrecht von 1586 erschien in hochdeutscher Sprache und war die umfangreichste und zugleich letzte hoheitliche Fassung des gesamten L. Besondere Bedeutung für das L. besaß der Rat der Stadt Lübeck. Er prägte nicht nur das Willkürrecht der Stadt, sondern war zugleich Obergericht der Stadt Lübeck sowie Oberhof für die Städte des lübischen Rechtskreises. Zur Blütezeit des L. gingen über 100 Städte in Lübeck „zu Haupte“, von Schleswig-Holstein über Mecklenburg, Pommern bis hin ins Baltikum (Reval). Oftmals erhielten Neugründungen das L. ausdrücklich als Stadtrecht verliehen. Ob der Rechtszug nach Lübeck eine deutschrechtliche Urteilsschelte oder bereits eine mehrstufige Appellation darstellte, ist streitig. Jedenfalls nahm der Lübecker Rat nur Anfragen an, zu denen ein auswärtiges Gericht bereits eine Entscheidung vorbereitet hatte. Die Ratsurteile sind bis 1550 erschlossen und zeigen eine weitgehend stabile Spruchtätigkeit über lange Zeiträume. Im Gegensatz zum sächsischen Recht, das in der Fassung des Sachsenspiegels (ca. 1220/35) zahlreiche ländliche Rechtsgewohnheiten bewahrte, war das L. reines Stadtrecht und offenbar besonders gut auf die Bedürfnisse von Kaufleuten, Seefahrern und Händlern zugeschnitten. Recht früh ging das L. vom angestammten Leumundseid zu einem rationalen Beweisverfahren mit Zeugen und Urkunden über. Auch die sog. Prozessgefahr des angeblich formstrengen mittelalterlichen Rechts war im L. unbekannt. Gut erforscht ist inzwischen das Familiengüterrecht. Eltern und Kinder saßen zusammen in einer Gütergemeinschaft (were bzw. samende). Ihnen stand das Familienvermögen gesamthänderisch zu. Das führte zu zahlreichen Besonderheiten im Erbrecht und im Ehegüterrecht. In der zweiten Hälfte des 16. Jh. geriet die Autorität des L. in eine Krise. Die erstarkende Landesherrschaft in den Territorien versuchte, den Rechtszug nach Lübeck abzuschneiden und landeseigene Obergerichte zu gründen. Zudem beschleunigte die Rezeption des römischen Rechts die inhaltlichen Veränderungen im Privatrecht und Prozessrecht. Die Stadtrechtsfamilie schrumpfte zunehmend zusammen, doch ist die Oberhoftätigkeit des Lübecker Rates bis ins 18. Jh. bezeugt. Durch die Unterwerfung unter das 1495 gegründete Reichskammergericht gab es nun allerdings förmliche Rechtsmittel gegen Ratsurteile. Zudem haben seit dem späten 16. Jh. auswärtige Juristenfakultäten im Wege der Aktenversendung Urteile zum L. gesprochen. Begleitet war dieser Wandel vom Aufschwung einer beeindruckenden eigenen Partikularrechtswissenschaft vom L. Ihr wichtigster Vertreter war David Mevius, seit 1653 Vizepräsident des schwedischen Tribunals in Wismar. Im 19. Jh. setzte die rechtshistorische Erforschung des älteren L. ein, oftmals betrieben von Mitgliedern des 1820 in Lübeck gegründeten Oberappellationsgerichts für die vier freien Städte Deutschlands. Mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs endete zum 1.1.1900 die über 700-jährige Tradition des L.

Peter Oestmann

Quellen: Das Alte L., J. F. Hach, 1839; Das mittelniederdeutsche Stadtrecht von Lübeck nach seinen ältesten Formen, G. Korlén, 1951; Lübecker Ratsurteile I-IV, W. Ebel, 1955-67; Lübecki õiguse Tallinna koodeks 1282, T. Kala, Tallinn 1998 (deutscher Text).

Literatur: W. Ebel, L., 1971; W. Amelsberg, Die „samende“ im L., 2012.
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