Hanse­Lexikon
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Buchstabe N

Neuss

N. geht auf eine von Handwerkern und Händlern bewohnte, nördlich verschiedener Legionslager nahe der Mündung der Erft in den Rhein gelegene römische Zivilsiedlung des 1. Jhs. zurück. Seit dem... mehr

N. geht auf eine von Handwerkern und Händlern bewohnte, nördlich verschiedener Legionslager nahe der Mündung der Erft in den Rhein gelegene römische Zivilsiedlung des 1. Jhs. zurück. Seit dem späten 10. Jh. gehörte es zum Erzstift Köln und scheint schon in karolingischer Zeit ein nicht unbedeutender Handelsplatz gewesen zu sein. Um die Mitte des 11. Jhs. erscheint N. in den Quellen als portus und sind N.er Kaufleute im Rheinhandel bezeugt. Im späten Mittelalter verkehrten sie zwischen Straßburg und den Niederlanden (Utrecht, Dordrecht, Antwerpen), im 16. Jh. vereinzelt auch im Ostseeraum. Haupthandelsgüter waren Wein, Getreide und Steine, die rheinabwärts, Salz und Fisch, die rheinaufwärts gehandelt wurden. Darüber hinaus gab es in N. seit dem 14. Jh. ein leistungsfähiges Tuchgewerbe, das auch für den überörtlichen Bedarf produzierte und dessen Erzeugnisse z. B. auch auf den Frankfurter Messen angeboten wurden. Allerdings war N. nie Hansestadt. Das Privileg Friedrichs III. von 1475, mit dem er der Stadt nach der erfolgreich und unter großen Opfern abgewehrten Belagerung durch den burgundischen Herzog Karl den Kühnen recht und gerechtikeit der Hansz verlieh, hat die Mitgliedschaft der Stadt in der Hanse nicht begründen können.

Volker Henn

Literatur: J. Huck, Neuss, der Fernhandel und die Hanse, 2 Teile, 1984-1991; Rhein. Städteatlas, Lfg. XVIII, Nr. 94: Neuss, bearb. von K. Müller, 2010.
Niederdeutsch, niederdeutsche Sprache

Als N. wird eine Gruppe von rezenten deutschen Dialekten und historischen Schreibsprachen bezeichnet, die nicht, wie das Hochdeutsche, von der zweiten Lautverschiebung betroffen sind. Weitere... mehr

Als N. wird eine Gruppe von rezenten deutschen Dialekten und historischen Schreibsprachen bezeichnet, die nicht, wie das Hochdeutsche, von der zweiten Lautverschiebung betroffen sind. Weitere exklusive Merkmale sind in der Entwicklung des Langvokalismus und der Morphologie zu finden. Die schriftliche Überlieferung setzt im 8. Jh. ein (Altniederdeutsch/Altsächsisch). Seit dem 13. Jh. entwickelt sich das Mitteln. als lingua franca im Hanseraum mit ausgeprägter Schriftlichkeit zu einer internationalen Verkehrssprache in Nordeuropa. Ab dem 16. Jh. wird das Mitteln. als Schreibsprache vom Hochdeutschen verdrängt, ein Prozess, der sich vom Südosten bis zum Nordwesten ausbreitet und um 1700 in den Küstengebieten zum Abschluss kommt. Als gesprochene Sprache existiert das N. in Dialekte differenziert (Neun.) neben dem Hochdeutschen weiter. Es entwickelt sich eine sozial determinierte Diglossie mit N. als stigmatisierter Varietät in der Funktion einer Nahsprache. Eine zunehmend positivere Bewertung am Ende des 20. Jh. führt 1999 zur Anerkennung des N. als Regionalsprache und zur Aufnahme in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Der mitteln. Sprachraum umfasst das ehemalige altn. Gebiet mit dem Nordniedersächsischen, dem Westfälischen und dem Ostfälischen. Infolge der deutschen → Ostsiedlung im Hochmittelalter entstehen das Ostelbische, das Märkische und das Baltische als weitere Varietäten. Regionale Ausgleichsprozesse in der Schriftsprache werden durch den Buchdruck seit dem 16. Jh. befördert. Sie bereiten zugleich den Schreibsprachenwechsel zum Hochdeutschen vor. Im Westen, vor allem in den IJsselstädten, markieren sprachliche Mischformen ein Übergangsareal zwischen N. und Niederländisch. N. wird auch in den Hansekontoren (London, Brügge, Bergen, Nowgorod) und in zahlreichen skandinavischen Städten verwendet. Hier zeugen Entlehnungen von intensiven Sprachkontakten.  Mitteln. Texte sind Bausteine einer hansischen Kommunikationsgeschichte und Zeugnisse einer sich ausdifferenzierenden städtischen Kultur. Zentrale Kommunikationsbereiche mitteln. Schriftlichkeit sind die Handelsbeziehungen innerhalb der Hanse (Handlungsbücher, Briefe), die städtischen Institutionen (Stadtrechte, Burspraken, Zunftrollen) sowie die politischen und juristischen Netzwerke in Nordeuropa (Hanserezesse, Rechtskorrespondenz). Differenzierte Fachsprachen spiegeln die kommunikativen Erfordernisse und bezeugen eine zunehmende Verschriftlichung des Alltags. In sprachlichen Domänen wie Medizin, Astronomie, Haushaltsführung bilden sich spezifische Textsorten der Wissensvermittlung heraus (z.B. Arzneibücher, Kräuterbücher, Kalender). Religiöse und literarische Schriften dienen der Belehrung, der Erbauung und der Unterhaltung (z.B. Seelentrost, → Reynke de vos). Chroniken und biographische Aufzeichnungen sind Zeugnisse kollektiver und individueller Selbstvergewisserung.

Ingrid Schröder

Literatur: Sprachgeschichte, hrsg. W. Besch, A. Betten, u.a., 1-3, 2. Aufl., 1998-2004; C. Squires, Die Hanse in Novgorod, 2009.
Niederstadtbuch

Eine von mehreren Stadtbuchserien in Lübeck, so benannt, weil es (im Gegensatz zum Oberstadtbuch) im Erdgeschoss des Rathauses geführt wurde. Nach Art und Umfang handelt es sich um eines der... mehr

Eine von mehreren Stadtbuchserien in Lübeck, so benannt, weil es (im Gegensatz zum Oberstadtbuch) im Erdgeschoss des Rathauses geführt wurde. Nach Art und Umfang handelt es sich um eines der bedeutendsten Stadtbücher Mittel- und Nordeuropas. Vom frühen 14. Jh. bis 1810 sind 348 Bände überliefert; seit 1481 ist die Reihe aufgeteilt in die Urschriften auf Papier und Reinschriften auf Pergament. Der erste Band ist nicht erhalten. Am Anfang standen Schuldanerkenntnisse, doch kamen im 14. Jh. Gründungen und Auflösungen von Handelsgesellschaften und Quittierungen hinzu, ab etwa den 1420er Jahren auch Ratsurteile in strittigen Fällen des Lübecker Rechts; das N. diente somit auch dessen Fortschreibung durch die Rechtsprechung des Rats. Überdies wurden Vorgänge zur Abwicklung von Erbgängen wie beispielsweise die Anerkennung von Testamenten, Ausstellung und Anerkennung von sog. Zuversichtsbriefen verzeichnet. In den Einträgen wird unterschieden, ob die Vorgänge vor dem Buch oder dem Rat abgewickelt wurden. Ein Großteil der Einträge wurde auf Befehl des Rats angelegt, so dass sich das N. zu weiten Teilen der Ratsschriftlichkeit zurechnen lässt. Im Laufe der frühen Neuzeit traten Ratsurteile zurück, während Nachlasssachen den Inhalt bestimmten. In den 1430-40er Jahren wurde das Mittellatein durch das Mittelniederdeutsche abgelöst, im 16. Jh. erscheint zunächst vereinzelt, später gehäuft das Oberdeutsche.

Harm von Seggern

Quellen: Das Lübecker Niederstadtbuch 1363-1399, Teil 1: Einleitung und Edition, Teil 2: Register, hrsg. U. Simon, 2006.

Literatur: J. Reetz, Über das Niederstadtbuch, ZVLGA 35 (1955), 34-56; U. Simon, Das Lübecker Niederstadtbuch als Quelle für die hansische Geschichte, in: Vergleichende Ansätze in der hansischen Geschichtsforschung, hrsg. R. Hammel-Kiesow, 2002, 287-94.
Nimwegen

Die mittelalterliche Stadt N. (niederländisch: Nijmegen), deren Wurzeln weit in die römische Zeit zurückreichen, entwickelte sich nach Zerstörungen im 9. und 11. Jh. vor allem seit dem 12. Jh.... mehr

Die mittelalterliche Stadt N. (niederländisch: Nijmegen), deren Wurzeln weit in die römische Zeit zurückreichen, entwickelte sich nach Zerstörungen im 9. und 11. Jh. vor allem seit dem 12. Jh. westl. der im 8. Jh. innerhalb eines spätröm. Kastells erbauten königlichen Pfalz, die bis in die Salierzeit deutschen Königen und Kaisern häufig als Aufenthaltsort diente und Mittelpunkt eines ausgedehnten Fiskalbezirks war. 1247 wurden die Pfalz und die Stadt, die 1230 Stadtrechte nach dem Vorbild Aachens erhalten hatte, an die Grafen von Geldern verpfändet. Zu diesem Zeitpunkt war das an der Waal und am Kreuzungspunkt wichtiger Landverbindungen gelegene N. bereits ein wichtiger Handelsplatz, dessen Kaufleute und Schiffer, gestützt auf zahlreiche Zollprivilegien, im Flusshandel zwischen Dordrecht, Köln und dem Mittelrheingebiet aktiv waren. Darüber hinaus unterhielten sie Handelsbeziehungen mit Brügge, Bergen-op-Zoom, England und Schonen. Dabei waren Wein, Tuche und Fisch die wichtigsten Handelsgüter. 1402 wurde N. förmlich in die Hanse „wieder“aufgenommen; seitdem war die Stadt bis 1618 auf zahlreichen gesamthansischen Tagfahrten vertreten (allerdings mit einer langen Phase der Abstinenz zwischen 1470 und 1540), beteiligte sich an den 1434, 1447 und 1451 beschlossenen Tohopesaten und übernahm seit der 2. Hälfte des 15. Jhs. die Vorortschaft für die geldrischen Städte innerhalb des Kölner Drittels der Hanse. Noch 1628 erklärte N., bei der Hanse bleiben zu wollen, im Wirtschaftsleben der Stadt aber spielten die hansischen Beziehungen keine besondere Rolle mehr.

Volker Henn

Literatur: Nijmegen. Geschiedenis van de oudste stad van Nederland, 1-2, red. H. Bots, 2005; B. Thissen, Die Pfalz Nimwegen zwischen Reichs- und Territorialgewalt (1247-1371), in: Territorium und Residenz am Niederrhein, hrsg. K. Flink, W. Janssen, 1993, 32-66; ders., Die Königspfalz Nimwegen, in: Verortete Herrschaft, hrsg. J. Lieven u. a., 2014, 53-106; H. D. J. van Schevichaven, Bijdrage tot de geschiedenis van den handel van Gelre vóór 1400 en zijn betrekking tot de Hanze, in: Gelre. Bijdragen en Mededeelingen, 13 (1910), 1-148; W. Jappe Alberts, Van heerlijkheid tot landsheerlijkheid, 1978, bes. 149-200; J. Weststrate, ‚… sy is in’t verbont der Hansesteden’. De plaats van de Hanze in de historiografie van Nijmegen, in: Stedelijk verleden in veelvoud. Opstellen over laatmiddeleeuwse stadsgeschiedenis in de Nederlande voor Dick de Boer, hrsg. H. Brand u. a., 2011, 75-88.
Nordsee

Der Begriff N., die heutige Bezeichnung für das Schelfmeer am Rande des Atlantischen Ozeans, zwischen den Meerengen des Ärmelkanals im Westen, dem Sund im Osten und den Shetlandinseln im Norden,... mehr

Der Begriff N., die heutige Bezeichnung für das Schelfmeer am Rande des Atlantischen Ozeans, zwischen den Meerengen des Ärmelkanals im Westen, dem Sund im Osten und den Shetlandinseln im Norden, ist in den hansischen Quellen kaum vertreten. Stattdessen benutzte man meistens den Terminus Westsee (Westersee, seltener Mare Britannicum) als Gegenstück zur →Ostsee. Die N. war zentral für den Verkehr von Kaufleuten und Gütern, da der rege Austausch zwischen den ndt. Kaufleuten und ihren Partnern in und aus →England, Nordfrankreich, →Flandern, →Holland und Seeland sowie →Dänemark und →Norwegen vor allem auf dem Seeweg stattfand. Die Hauptwaren im Verkehr auf der N. waren Tuch und Wolle, Wein, Stockfisch und Bier, während Importwaren in das Gebiet hauptsächlich aus Salz, Getreide, Hering, Pelzen, Holz, (Pott)Asche und Wachs bestanden. Luxuswaren wie Tuche wurden im N.gebiet erstellt und auch eingeführt. Ab dem 13. Jh. gab es einen deutlichen Aufschwung im Güter- und Personenverkehr. Viele der Hansestädte waren durch Wasserwege mit der N. verbunden, außerdem stützten sich drei der vier Hauptkontore der Hanse (in London, Bergen und Brügge), samt mehreren kleineren Niederlassungen, auf den N.verkehr. 

Über die N. fand zugleich eine intensive hansische Kommunikation statt. Informationen wurden in Kontoren und Städten ausgetauscht, persönlich wie auch schriftlich, was eine wichtige Grundlage für die wechselseitigen Beziehungen bildete. Der wachsende Bedarf an Verkehr förderte die Entwicklung von Schiffbau und Schifffahrt mit Einflüssen u.a. aus dem Mittelmeerraum. Einerseits wuchsen die Tragfähigkeit und Größe von Schiffen, die die N. durchquerten, andererseits wurden auch kleinere Schiffe zu unterschiedlichen Zwecken gebaut und benutzt. Nicht nur dehnte sich die hansische Schifffahrt aus, auch die englischen und holländisch-seeländischen Aktivitäten nahmen zu. Die Zahlen der eingehenden und ausfahrenden Schiffe und die Zusammenarbeit in der Fracht oder im Schiffseigentum spiegeln die Verhältnisse zwischen hansischen und butenhansischen Kaufleuten in den Häfen der N. wider. Konkurrenz äußerte sich z.B. in der Verdrängung der Engländer durch die Hansekaufleute aus dem Handel mit Norwegen im 14. Jh. oder durch die Suche nach alternativen Häfen und Handelswaren. Der Stockfischhandel der Holländer in Nord-Norwegen und zum Teil auf →Island sowie der Engländer (und später der norddeutschen Seestädte) auf Island im 15. und 16. Jh. untergrub die Stellung des hansischen Stockfischstapels in Bergen. Auch trug der holländische Heringsfang in der Nordsee, der seit dem 15. Jh. expandierte, zum Rückgang der → Schonischen Messen bei. 

Der wirtschaftlich-politische Wert der N. für die Hanse wird bei den Seeblockaden deutlich, die ein wirkungsvolles Druckinstrument darstellten. Sie wurden gegen →Norwegen, →England, → Schottland, →Flandern und → Frankreich verhängt, um → Privilegien(erneuerungen) zu erzwingen, ungünstige Maßnahmen rückgängig zu machen oder Kriegshandlungen zu verstärken. Auch die in Flandern häufige Variante der Verlegung des Brügger Kontors war vom Zugang zur N. abhängig. Etliche Konflikte wurden als Seekriege ausgetragen, auf der N. insbesondere der wendisch-holländische Krieg (1438-1441), der Krieg gegen England (1469-1474) sowie zahlreiche Konflikte im 16. Jh. Dies war oft von Kaperei und Seeräuberei begleitet. So stand schon das erste Viertel des 15. Jh.s unter dem Zeichen der Bekämpfung der Freibeuterei auf der N.; auch später waren die Meere und Häfen unsicher. Friedeschiffe und Konvoifahrt wurden eingesetzt, um den N.handel zu schützen. Auch andere Gefahren auf See, wie Schiffbruch oder unehrliches Verhalten der Schiffer forderten Zusammenarbeit in Form von seerechtlichen Ordnungen und Rechtsprechung. Obwohl es kein einheitliches Seerecht in der N.region gab, bemühten sich seit 1365 Abgesandte der Hansestädte auf Hansetagen um eine Ausarbeitung von Regeln, die die Stadtrechte ergänzen sollten. Die Quellen weisen zugleich ein Bild international ausgerichteter Gerichtsbarkeit in den Nordseestädten auf, die sowohl hansischen als nichthansischen Schiffern und Kaufleuten offenstand. 

Die N. bildete für die Hanse eine nördliche Grenze, die aufgrund norwegischer Privilegien Ende des 13. Jh. gezogen wurde, die den Handel nördlich von →Bergen, auf den nordatlantischen Inseln und vor allem auf →Island untersagten. Allerdings kam es ab dem 15. Jh. immer häufiger zur Verletzung dieser Regeln und damit zur Ausdehnung wirtschaftlicher Grenzen der Hanse. 

Justyna Wubs-Mrozewicz

Literatur: K. Fritze, G. Krause, Seekriege der Hanse. Das erste Kapitel deutscher Seekriegs- geschichte, Berlin 1997; E. Frankot, "Of Laws of Ships and Shipmen": Medieval Maritime Law and its Practice in Urban Northern Europe, Edinburgh 2012.
Novgorod

N. wurde im 10. Jh. am Fluss → Wolchow gegründet, der über den Ladogasee und die Neva mit der Ostsee verbunden ist. Der Pelzreichtum, der dem weiten Hinterland von N. zu verdanken war, machte die... mehr

N. wurde im 10. Jh. am Fluss → Wolchow gegründet, der über den Ladogasee und die Neva mit der Ostsee verbunden ist. Der Pelzreichtum, der dem weiten Hinterland von N. zu verdanken war, machte die Stadt zunächst für skandinavische Kaufleute interessant. Nach der Wikingerzeit mit dem weiten Ausgreifen der Skandinavier nach Osten und Süden waren es gotländische Handelsbauern, die die Fahrt speziell noch nach N. aufrechterhielten. Umgekehrt suchten die Novgoroder Kaufleute Gotland auf und segelten auf eigenen Schiffen zur Westküste der Ostsee. So trafen sie beispielsweise in der ersten Hälfte des 12. Jh.s in Schleswig mit deutschen Kaufleuten zusammen. Das eigentliche Zentrum des deutsch-russischen Warenaustauschs wurde aber sehr bald N. In Kooperation mit den Gotländern reisten die frühhansischen Kaufleute seit der zweiten Hälfte des 12. Jh.s in die Stadt am Wolchow, wo sie um 1200 eine eigene Niederlassung, den Peterhof, gründeten. In N., das zur größten Stadt Nordosteuropas wurde, in der im Spätmittelalter gegen 25 000 Menschen lebten, konnten die Hansen Luxuserzeugnisse wie flandrisches Tuch, Südfrüchte und Lüneburger Salz für die reichen Bojaren (in der Stadt lebende Eigentümer von Ländereien) absetzen, aber auch Edel- und Buntmetalle sowie Bernstein für das örtliche Handwerk und viele sonstige Artikel mehr. Dafür bezogen sie neben den dichtesten Pelzen aus den kältesten Gegenden Europas auch Wachs, daneben etwas Tran und seit der Wende zur Neuzeit landwirtschaftliche Erzeugnisse. Im 14. Jh. und z.T. noch in der ersten Hälfte des 15. Jh.s weilten es mitunter 150-200 selbständige Kaufleute, Gesellen und Lehrjungen aus Lübeck, Westfalen und Livland in N. Sie hielten sich als Sommer- oder Winterfahrer mehrere Monate auf dem St. Peterhof und im Bedarfsfall auch auf dem alten Hof der Gotländer auf, der sich seit dem 14. Jh. im Pachtbesitz der Hansen befand. In der zweiten Hälfte des 15. Jh.s verlagerte sich jedoch der Handel in erheblichem Maße nach Livland, das zunehmend ein Reiseziel der russischen Kaufleute wurde. Die Unterwerfung von N., das seit dem Zerfall des Reiches von Kiev politisch weitgehend unabhängig gewesen war, durch den Moskauer Großfürsten Ivan III. im Jahre 1478 erschwerte die hansisch-Novgoroder Beziehungen, und 1494 kam es sogar zur gewaltsamen Schließung des Peterhofes. Zwar wurde der Hof 1514 wiedereröffnet, aber daraus folgte keine dauerhafte Belebung des Handels in N. Erst im 17. Jh. gab es dort trotz der Konkurrenz des neuen Handelsweges über Archangel᾿sk nach Moskau allmählich wieder einen Aufschwung, wozu die Existenz eines Hofes für die livländischen und eines weiteren für die Lübecker Kaufleute beitrug. Mit der Gründung der neuen Hafenstadt St. Petersburg 1703 gehörte die Rolle von N. als Fernhandelsmetropole endgültig der Vergangenheit an.

Norbert Angermann

Literatur: Novgorod. Markt und Kontor der Hanse, hrsg. N. Angermann, K. Friedland, 2002; E. A. Rybina, Novgorod i Ganza [Novgorod und die Hanse], 2009
Nürnberg

N. war im Spätmittelalter eine bedeutende oberdeutsche Reichsstadt, deren Wirtschaftskraft auf Handel und vielfältiger handwerklicher Produktion basierte. Außerdem profitierte die Stadt von ihrer... mehr

N. war im Spätmittelalter eine bedeutende oberdeutsche Reichsstadt, deren Wirtschaftskraft auf Handel und vielfältiger handwerklicher Produktion basierte. Außerdem profitierte die Stadt von ihrer günstigen geografischen Lage und seit dem 14. Jh. von Beteiligungen am Montangewerbe. Der überregionale Vertrieb N.er Waren erfolgte über die Frankfurter Messen und den Fernhandel vorrangig mit Venedig, im 16. Jh. auch mit Lyon. Der Handel in den Ostseeraum wurde seit der zweiten Hälfte des 15. Jh.s hauptsächlich über Danzig abgewickelt. Im 15. Jh. intensivierten sich auch die Handelskontakte nach Lübeck. Die N.er nutzten diese Stadt als zentralen Umschlagsplatz für den Warenverkehr in den Norden. Zahlreiche N.er nahmen in der Folgezeit das Lübecker Bürgerrecht an, darunter Vertreter der Familien Hagenauer, Mulich, Munter, Ringel, Rode und Zutzenheimer. Sie beherrschten den Nürnberg-Lübeck-Handel über die Zirkulation von N.er Gewerbeprodukten (Metallkurzwaren, Waffen) und Luxusartikeln (Gewürzen) via N. oder die Frankfurter Messen nach Norden sowie Waren aus Nord- und Osteuropa via Lübeck nach Süden.

Mirja Piorr

Literatur: H. Ammann, Die wirtschaftliche Stellung der Reichsstadt Nürnberg im Spätmittelalter, 1970; C. Nordmann, Nürnberger Großhändler im spätmittelalterlichen Lübeck, 1933.
Nyköping

ist eine schwedische Handelsstadt südlich von Stockholm im Len Södermanland an der Nyköpingå, die das Seengebiet des Långhals, Kisingsfjärd und Yngare mit der Ostsee verbindet. Der Name N. bedeutet... mehr

ist eine schwedische Handelsstadt südlich von Stockholm im Len Södermanland an der Nyköpingå, die das Seengebiet des Långhals, Kisingsfjärd und Yngare mit der Ostsee verbindet. Der Name N. bedeutet ‘neue Kaufmannsstadt’. Der Ort wurde im 12. Jh. an Stelle einer weiter im Binnenland liegenden Siedlung an beiden Seiten der N.-Au gegründet. Ein Gründungsdatum liegt nicht fest. Von der Bedeutung des Ortes sprechen allerdings zwei königliche Kastellbauten, die Ausmünzung eigener Münzen (seit 1229-34) sowie der Besitz des Ortes durch die schwedische Königin (1250). Seit der Mitte des 13. Jh.s ist der Rat der Stadt nachweisbar. Eine Aufteilung des Rates von N. in einen deutschen und schwedischen Teil ist nicht nachweisbar. Von der Mitte des 13. Jh.s besaß die Stadt eine der wichtigen Reichsburgen, in der 1317 das Nyköpings gästabud, die Einkerkerung und Ermordung schwedischer Thronprätendenten durch ihren Bruder, König Birger, stattfand. Durch die Lage am Wassersystem des Södermanlandes entwickelte sich die Stadt zum Exporthafen für Eisen, Kupfer und Butter ins hansische Handelssystem. Als solcher erscheint die Stadt u.a. in den Pfundzolllisten von 1368 und später. Die nachweisbaren Kaufleute der Stadt gehören zur niederdeutsch-sprachigen Handelselite des Ostseeraumes, mit familiären Verbindungen nach Stockholm, Lübeck und Danzig. Spätestens zur Mitte des 14. Jh.s gehörte N. neben Stockholm, Söderköping und Kalmar zu den wichtigsten Handelshäfen Schwedens. 1362-1363 wurde der hansische Pfundzoll in N. erhoben. Zur Verwaltung und zum Handel N. sind nur wenige Quellen erhalten; die älteste Zollliste stammt aus den Jahren 1557-1560.

Carsten Jahnke

Literatur: B. Broberg, Nyköping, 1979; L. Karlén, Medeltid och äldre vasatid till omkring 1570, in: Nyköpings stads historia, I, 1973; G. Dahlbäck, Eisen und Kupfer, Butter und Lachs. Schwe-dische Produkte im hansischen Handel, in: Vergleichende Ansätze in der hansischen Ge-schichtsforschung, hrsg. R. Hammel-Kiesow, 2002, 165-73.
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