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Buchstabe N

Neuss

N. geht auf eine von Handwerkern und Händlern bewohnte, nördlich verschiedener Legionslager nahe der Mündung der Erft in den Rhein gelegene römische Zivilsiedlung des 1. Jhs. zurück. Seit dem... mehr

N. geht auf eine von Handwerkern und Händlern bewohnte, nördlich verschiedener Legionslager nahe der Mündung der Erft in den Rhein gelegene römische Zivilsiedlung des 1. Jhs. zurück. Seit dem späten 10. Jh. gehörte es zum Erzstift Köln und scheint schon in karolingischer Zeit ein nicht unbedeutender Handelsplatz gewesen zu sein. Um die Mitte des 11. Jhs. erscheint N. in den Quellen als portus und sind N.er Kaufleute im Rheinhandel bezeugt. Im späten Mittelalter verkehrten sie zwischen Straßburg und den Niederlanden (Utrecht, Dordrecht, Antwerpen), im 16. Jh. vereinzelt auch im Ostseeraum. Haupthandelsgüter waren Wein, Getreide und Steine, die rheinabwärts, Salz und Fisch, die rheinaufwärts gehandelt wurden. Darüber hinaus gab es in N. seit dem 14. Jh. ein leistungsfähiges Tuchgewerbe, das auch für den überörtlichen Bedarf produzierte und dessen Erzeugnisse z. B. auch auf den Frankfurter Messen angeboten wurden. Allerdings war N. nie Hansestadt. Das Privileg Friedrichs III. von 1475, mit dem er der Stadt nach der erfolgreich und unter großen Opfern abgewehrten Belagerung durch den burgundischen Herzog Karl den Kühnen recht und gerechtikeit der Hansz verlieh, hat die Mitgliedschaft der Stadt in der Hanse nicht begründen können.

Volker Henn

Literatur: J. Huck, Neuss, der Fernhandel und die Hanse, 2 Teile, 1984-1991; Rhein. Städteatlas, Lfg. XVIII, Nr. 94: Neuss, bearb. von K. Müller, 2010.
Niederdeutsch, niederdeutsche Sprache

Als N. wird eine Gruppe von rezenten deutschen Dialekten und historischen Schreibsprachen bezeichnet, die nicht, wie das Hochdeutsche, von der zweiten Lautverschiebung betroffen sind. Weitere... mehr

Als N. wird eine Gruppe von rezenten deutschen Dialekten und historischen Schreibsprachen bezeichnet, die nicht, wie das Hochdeutsche, von der zweiten Lautverschiebung betroffen sind. Weitere exklusive Merkmale sind in der Entwicklung des Langvokalismus und der Morphologie zu finden. Die schriftliche Überlieferung setzt im 8. Jh. ein (Altniederdeutsch/Altsächsisch). Seit dem 13. Jh. entwickelt sich das Mitteln. als lingua franca im Hanseraum mit ausgeprägter Schriftlichkeit zu einer internationalen Verkehrssprache in Nordeuropa. Ab dem 16. Jh. wird das Mitteln. als Schreibsprache vom Hochdeutschen verdrängt, ein Prozess, der sich vom Südosten bis zum Nordwesten ausbreitet und um 1700 in den Küstengebieten zum Abschluss kommt. Als gesprochene Sprache existiert das N. in Dialekte differenziert (Neun.) neben dem Hochdeutschen weiter. Es entwickelt sich eine sozial determinierte Diglossie mit N. als stigmatisierter Varietät in der Funktion einer Nahsprache. Eine zunehmend positivere Bewertung am Ende des 20. Jh. führt 1999 zur Anerkennung des N. als Regionalsprache und zur Aufnahme in die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Der mitteln. Sprachraum umfasst das ehemalige altn. Gebiet mit dem Nordniedersächsischen, dem Westfälischen und dem Ostfälischen. Infolge der deutschen → Ostsiedlung im Hochmittelalter entstehen das Ostelbische, das Märkische und das Baltische als weitere Varietäten. Regionale Ausgleichsprozesse in der Schriftsprache werden durch den Buchdruck seit dem 16. Jh. befördert. Sie bereiten zugleich den Schreibsprachenwechsel zum Hochdeutschen vor. Im Westen, vor allem in den IJsselstädten, markieren sprachliche Mischformen ein Übergangsareal zwischen N. und Niederländisch. N. wird auch in den Hansekontoren (London, Brügge, Bergen, Nowgorod) und in zahlreichen skandinavischen Städten verwendet. Hier zeugen Entlehnungen von intensiven Sprachkontakten.  Mitteln. Texte sind Bausteine einer hansischen Kommunikationsgeschichte und Zeugnisse einer sich ausdifferenzierenden städtischen Kultur. Zentrale Kommunikationsbereiche mitteln. Schriftlichkeit sind die Handelsbeziehungen innerhalb der Hanse (Handlungsbücher, Briefe), die städtischen Institutionen (Stadtrechte, Burspraken, Zunftrollen) sowie die politischen und juristischen Netzwerke in Nordeuropa (Hanserezesse, Rechtskorrespondenz). Differenzierte Fachsprachen spiegeln die kommunikativen Erfordernisse und bezeugen eine zunehmende Verschriftlichung des Alltags. In sprachlichen Domänen wie Medizin, Astronomie, Haushaltsführung bilden sich spezifische Textsorten der Wissensvermittlung heraus (z.B. Arzneibücher, Kräuterbücher, Kalender). Religiöse und literarische Schriften dienen der Belehrung, der Erbauung und der Unterhaltung (z.B. Seelentrost, → Reynke de vos). Chroniken und biographische Aufzeichnungen sind Zeugnisse kollektiver und individueller Selbstvergewisserung.

Ingrid Schröder

Literatur: Sprachgeschichte, hrsg. W. Besch, A. Betten, u.a., 1-3, 2. Aufl., 1998-2004; C. Squires, Die Hanse in Novgorod, 2009.
Niederstadtbuch

Eine von mehreren Stadtbuchserien in Lübeck, so benannt, weil es (im Gegensatz zum Oberstadtbuch) im Erdgeschoss des Rathauses geführt wurde. Nach Art und Umfang handelt es sich um eines der... mehr

Eine von mehreren Stadtbuchserien in Lübeck, so benannt, weil es (im Gegensatz zum Oberstadtbuch) im Erdgeschoss des Rathauses geführt wurde. Nach Art und Umfang handelt es sich um eines der bedeutendsten Stadtbücher Mittel- und Nordeuropas. Vom frühen 14. Jh. bis 1810 sind 348 Bände überliefert; seit 1481 ist die Reihe aufgeteilt in die Urschriften auf Papier und Reinschriften auf Pergament. Der erste Band ist nicht erhalten. Am Anfang standen Schuldanerkenntnisse, doch kamen im 14. Jh. Gründungen und Auflösungen von Handelsgesellschaften und Quittierungen hinzu, ab etwa den 1420er Jahren auch Ratsurteile in strittigen Fällen des Lübecker Rechts; das N. diente somit auch dessen Fortschreibung durch die Rechtsprechung des Rats. Überdies wurden Vorgänge zur Abwicklung von Erbgängen wie beispielsweise die Anerkennung von Testamenten, Ausstellung und Anerkennung von sog. Zuversichtsbriefen verzeichnet. In den Einträgen wird unterschieden, ob die Vorgänge vor dem Buch oder dem Rat abgewickelt wurden. Ein Großteil der Einträge wurde auf Befehl des Rats angelegt, so dass sich das N. zu weiten Teilen der Ratsschriftlichkeit zurechnen lässt. Im Laufe der frühen Neuzeit traten Ratsurteile zurück, während Nachlasssachen den Inhalt bestimmten. In den 1430-40er Jahren wurde das Mittellatein durch das Mittelniederdeutsche abgelöst, im 16. Jh. erscheint zunächst vereinzelt, später gehäuft das Oberdeutsche.

Harm von Seggern

Quellen: Das Lübecker Niederstadtbuch 1363-1399, Teil 1: Einleitung und Edition, Teil 2: Register, hrsg. U. Simon, 2006.

Literatur: J. Reetz, Über das Niederstadtbuch, ZVLGA 35 (1955), 34-56; U. Simon, Das Lübecker Niederstadtbuch als Quelle für die hansische Geschichte, in: Vergleichende Ansätze in der hansischen Geschichtsforschung, hrsg. R. Hammel-Kiesow, 2002, 287-94.
Nürnberg

N. war im Spätmittelalter eine bedeutende oberdeutsche Reichsstadt, deren Wirtschaftskraft auf Handel und vielfältiger handwerklicher Produktion basierte. Außerdem profitierte die Stadt von ihrer... mehr

N. war im Spätmittelalter eine bedeutende oberdeutsche Reichsstadt, deren Wirtschaftskraft auf Handel und vielfältiger handwerklicher Produktion basierte. Außerdem profitierte die Stadt von ihrer günstigen geografischen Lage und seit dem 14. Jh. von Beteiligungen am Montangewerbe. Der überregionale Vertrieb N.er Waren erfolgte über die Frankfurter Messen und den Fernhandel vorrangig mit Venedig, im 16. Jh. auch mit Lyon. Der Handel in den Ostseeraum wurde seit der zweiten Hälfte des 15. Jh.s hauptsächlich über Danzig abgewickelt. Im 15. Jh. intensivierten sich auch die Handelskontakte nach Lübeck. Die N.er nutzten diese Stadt als zentralen Umschlagsplatz für den Warenverkehr in den Norden. Zahlreiche N.er nahmen in der Folgezeit das Lübecker Bürgerrecht an, darunter Vertreter der Familien Hagenauer, Mulich, Munter, Ringel, Rode und Zutzenheimer. Sie beherrschten den Nürnberg-Lübeck-Handel über die Zirkulation von N.er Gewerbeprodukten (Metallkurzwaren, Waffen) und Luxusartikeln (Gewürzen) via N. oder die Frankfurter Messen nach Norden sowie Waren aus Nord- und Osteuropa via Lübeck nach Süden.

Mirja Piorr

Literatur: H. Ammann, Die wirtschaftliche Stellung der Reichsstadt Nürnberg im Spätmittelalter, 1970; C. Nordmann, Nürnberger Großhändler im spätmittelalterlichen Lübeck, 1933.
Nyköping

ist eine schwedische Handelsstadt südlich von Stockholm im Len Södermanland an der Nyköpingå, die das Seengebiet des Långhals, Kisingsfjärd und Yngare mit der Ostsee verbindet. Der Name N. bedeutet... mehr

ist eine schwedische Handelsstadt südlich von Stockholm im Len Södermanland an der Nyköpingå, die das Seengebiet des Långhals, Kisingsfjärd und Yngare mit der Ostsee verbindet. Der Name N. bedeutet ‘neue Kaufmannsstadt’. Der Ort wurde im 12. Jh. an Stelle einer weiter im Binnenland liegenden Siedlung an beiden Seiten der N.-Au gegründet. Ein Gründungsdatum liegt nicht fest. Von der Bedeutung des Ortes sprechen allerdings zwei königliche Kastellbauten, die Ausmünzung eigener Münzen (seit 1229-34) sowie der Besitz des Ortes durch die schwedische Königin (1250). Seit der Mitte des 13. Jh.s ist der Rat der Stadt nachweisbar. Eine Aufteilung des Rates von N. in einen deutschen und schwedischen Teil ist nicht nachweisbar. Von der Mitte des 13. Jh.s besaß die Stadt eine der wichtigen Reichsburgen, in der 1317 das Nyköpings gästabud, die Einkerkerung und Ermordung schwedischer Thronprätendenten durch ihren Bruder, König Birger, stattfand. Durch die Lage am Wassersystem des Södermanlandes entwickelte sich die Stadt zum Exporthafen für Eisen, Kupfer und Butter ins hansische Handelssystem. Als solcher erscheint die Stadt u.a. in den Pfundzolllisten von 1368 und später. Die nachweisbaren Kaufleute der Stadt gehören zur niederdeutsch-sprachigen Handelselite des Ostseeraumes, mit familiären Verbindungen nach Stockholm, Lübeck und Danzig. Spätestens zur Mitte des 14. Jh.s gehörte N. neben Stockholm, Söderköping und Kalmar zu den wichtigsten Handelshäfen Schwedens. 1362-1363 wurde der hansische Pfundzoll in N. erhoben. Zur Verwaltung und zum Handel N. sind nur wenige Quellen erhalten; die älteste Zollliste stammt aus den Jahren 1557-1560.

Carsten Jahnke

Literatur: B. Broberg, Nyköping, 1979; L. Karlén, Medeltid och äldre vasatid till omkring 1570, in: Nyköpings stads historia, I, 1973; G. Dahlbäck, Eisen und Kupfer, Butter und Lachs. Schwe-dische Produkte im hansischen Handel, in: Vergleichende Ansätze in der hansischen Ge-schichtsforschung, hrsg. R. Hammel-Kiesow, 2002, 165-73.
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