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Buchstabe Q
Bei der um 1235 angelegten dritten Osnabrücker Landesburg entwickelte sich aus einem landwirtschaftlichen Mittelpunkt um die bis zu zehn Burgmannenhöfe im 14. Jh. eine flächenmäßig recht große, wenig aufgesiedelte, nur mit Wall-/Graben-Anlage geschützte, um 1500 ca. 900, um 1600 ca. 1600 Einwohner zählende Kleinstadt, deren Selbstverwaltung von den Burgmannenfamilien dominiert wurde. Im 15. Jh. ist eine exportorientierte, nach → Osnabrück gerichtete Wolltuchproduktion belegt. Der Osnabrücker Versuch, 1554 mit Verweis auf Stadtrechtsbeziehungen den Ort als „hansisch“ anerkennen zu lassen, fand seitens der Hanse keinen Anklang.
Literatur: H. Böning, Quakenbrück, in: Hdb. der Niedersächsischen Hansestädte, bearb. J. Bohmbach, 1983, 158-61; Quakenbrück. Von der Grenzfestung zum Gewerbezentrum, hrsg. H.-R. Jarck, 1985, 69-90, 176-86; F.-B. Fahlbusch, Osnabrück, seine ‚Beistädte‘ und die Theorie vom hansischen Unterquartier, in: HGBll 109 (1991), 43-63; J.-L. Schipmann, Politische Kommunikation in der Hanse, 2004, 133-38.
- in Planung / Vorbereitung -
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922 als Quitilingaburg in einer Urkunde Heinrichs I. (919-936) erstmals erwähnt, stieg der Ort auch durch die Gründung eines Kanonissenstifts 936 zu der bevorzugten Osterpfalz in der Zeit der Ottonen auf. Das Markt-, Münz- und Zollprivileg Ottos III. (994-1002) von 994 zeigt, dass sich neben dem Reichsstift inzwischen eine Marktsiedlung von einiger Bedeutung entwickelt hatte. Im 12. und 13. Jh. erstarkte die Bürgerstadt Q. weiter und geriet in Konflikte mit der Stadtherrin von Q., der Äbtissin des Reichsstifts. Ab 1326, als sich Q. mit Aschersleben und Halberstadt verbündete, begann die Stadt mit einer intensiven Bündnispolitik auch im Rahmen des Sächsischen Städtebundes. 1358 verzichtete die Stadtherrin auf die Herrschaftsrechte gegenüber der Stadt. Q. wuchs vor allem über den Flandernhandel von der zweiten Hälfte des 13. Jh.s an in die entstehende Hanse hinein. Bis ins späte 15. Jh. hinein konnte Q. seine fast autonome Stellung und seine Mitgliedschaft in der Hanse behaupten. 1477 wurde Q. von seiner Stadtherrin gewaltsam unterworfen, womit auch die Mitgliedschaft im Sächsischen Städtebund und in der Hanse endete, wenngleich diese erst 1518 feststellte, dass Q. aus der Hanse ausgeschieden sei
Literatur: H. Wernicke, Die sächsischen Städte in der Hanse, in: Hanse – Städte – Bünde, 1996, 29-35; T. Wozniak, Quedlinburg. Kleine Stadtgeschichte, 2014.
Die Geschichtswissenschaft(en) haben einen denkbar weiten Q.nbegriff: Schlicht und ergreifend „alles“ kann zur Q. werden, wenn man es mit Blick auf die Vergangenheit befragt, sei es menschengemacht oder naturgegeben. Formale Einteilungen, die immer wieder versucht wurden, haben sich nicht durchgesetzt. Tragfähig ist hingegen die Unterscheidung, ob eine Q. von Menschen absichtlich mit Blick auf die spätere Verwendung angelegt wurde (Tradition, mit einer inhärenten Perspektive auf die Vergangenheit) oder unabsichtlich übrig geblieben ist (Überrest, ohne eine solche Perspektive). Der Weite des Q.nbegriffs entsprechen die verschiedenen historischen Wissenschaften und Teildisziplinen, angefangen von den Archäologien, den Kultur- und Geisteswissenschaften wie Kunstgeschichte und den Literaturwissenschaften bis hin zur Geschichtswissenschaft im engeren Sinn. Q. ist dabei ein metaphorischer verwendeter Begriff. Das damit verbundene Bild leitet sich ab vom antik-römisch-lateinischen fons, fontes, auch heute noch weit verbreitet das Motto ad fontes (zu den Q.), um den Ursprung von Dingen, vor allem von Aussagen, auf den Grund zu gehen. Eingang gefunden hat das Sprachbild nicht nur ins Deutsche, auch in Englische und Französische und andere Sprachen, wobei das Sprachbild (wie alle Sprachbilder) nicht wortwörtlich zu nehmen ist. Versuche, eine alternative Benennung einzuführen, gibt es durchaus, haben sich aber nicht allgemein durchgesetzt (Carlo Ginzburg: Spuren; Martha Howell, Walter Prevenier: Artefakte); der Begriff Dokument ist zu eng, er gibt nicht die Verschiedenartigkeit der Überlieferung wieder. Für die Umwelt- und Klimageschichte sind beispielsweise bodenkundliche, mit naturwissenschaftlichen Methoden zu untersuchende Gegebenheiten entscheidend, andere Überlieferungsformen wie Polar-/Gletschereis werden herangezogen. Die Weite, letztlich die Unbestimmtheit des Q.nbegriffs macht einen methodisch reflektierten Umgang unumgänglich. Generell ist zu bedenken, dass die heute noch existierende Überlieferung nur ein kleiner Teil dessen ist, was es einst gegeben haben muss. Die vergangene Welt war größer, als die heute noch vorhandene Überlieferung abbildet. Nach einem in der Geschichtswissenschaft bekannten Essay von Arnold Esch verzeichnet die Überlieferung das Bild von der Vergangenheit (hier Antike und europäische Vormoderne), indem es diese agrarischer, aggressiver und kirchlicher macht, als sie wohl war; adliger bzw. oberschichtgeprägter man kann ergänzen. Als Korrelat sind daher weiterführende, theoretische und abstrahierende Überlegungen in die Q.nauswertung mit einzubeziehen. Auch im Journalismus und bei den Nachrichtendiensten spricht man Q.n (Informanten), die einem Q.nschutz unterliegen, um sie vor Repression und Verfolgung zu schützen.
Die europäischen Geschichtswissenschaften im engeren Sinn, die sich mit dem Mittelalter und der Neuzeit beschäftigen, sind in erster Linie an die schriftliche Überlieferung gebunden, während für die europäische Antike archäologische Überlieferungen als Schriftträger bedeutsamer sind. Schriftliche Überlieferungsformen des Mittelalters und der Neuzeit entstanden in der Regel bei den vor-staatlichen bzw. herrschaftlichen Mächten und bei der Kirche mit ihren Institutionen, weniger bei den Privatmenschen; gerade die geringmächtige Privatschriftlichkeit ist für die jüngere Kulturgeschichte, die nach dem Individuum in der Vergangenheit fragt, von erheblichem Interesse, zu nennen sind Privatbriefe, Tagebücher, Hausbücher, kaufmännische Rechnungen, die allesamt auch in der Hanseforschung von Bedeutung sind. In der Regel bemisst sich der Q.nwert aus der Nähe zum historischen Problem; je größer der Abstand in zeitlicher, räumlicher und sachlicher Hinsicht, desto geringer ist der Wert einer Q. (was sich auch umgekehrt formulieren lässt).
Der methodisch-reflektierte Umgang mit den schriftlichen Q.n konkretisiert sich in der Q.nkritik, die in zwei Richtungen betrieben wird, die äußere und innere Q.nkritik. Die äußere Q.nkritik gilt der Materialität und den formalen Kriterien, die innere Q.nkritik den inhaltlichen Aussagen. Kritik ist geknüpft an die Grundhaltung der Aufklärung: Der Überlieferung wird nicht einfach geglaubt, sie wird nicht einfach hingenommen, sondern sie wird hinterfragt und auf ihre Stimmigkeit hin überprüft. Es geht um Erkenntnisgewinn über die Vergangenheit. Dass Fragen der äußeren Q.nkritik auch in der Zeitgeschichte eine eminente Rolle spielen können, zeigt der Presseskandal um die sog. Hitler-Tagebücher von 1983, deren Fälschung eindeutig durch eine vom Bundeskriminalamt (das auf solche Fragen spezialisierte Bundesarchiv war nicht gefragt worden) veranlasste Untersuchung des Papiers als Beschreibstoff nachgewiesen wurde: Die Bücher enthielten Kunststoffe, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt worden waren. Für Fragen der äußeren und inneren Q.nkritik spielen verschiedene Spezialwissenschaften eine Rolle, von denen hier nur die Paläographie (Lehre der alten Schriften), Chronologie (Lehre der Zeit-/Datumsrechnung), Diplomatik (Urkundenlehre) und Kodikologie (Lehre vom Buch bzw. Kodex) genannt seien, es gibt weitaus mehr. Die Q.nkunde ist daher aufs engste verknüpft mit der historischen Aussage- bzw. Erkenntnisgewinnung und kann daher in den Zusammenhang mit der Benutzung historischer Argumente im politischen Diskurs geraten.
Aus dem Mittelalter gibt es eigenständige Überlieferungsformen wie die karolingischen Kapitularien, die spätmittelalterlichen Stadtbücher, in der Hanse speziell die →Rezesse, die keine direkte moderne Entsprechung haben und sich daher dem modernen Verständnis verschließen, weswegen sie eine eigenständige q.kundliche Behandlung erfordern. Unerlässlich ist die Q.kunde als geschichtswissenschaftliches Teilgebiet für die Erschließung der heute noch vorhandenen Überlieferung, sei es in Bibliothekskatalogen, Museumsinventaren oder Archivfindbüchern. Für digitale Überlieferungsformen der Zeitgeschichte ist auf die Langfristarchivierung und die ´Durchsuchbarkeit´ zu verweisen, ein Teilaspekt der ´Digital Humanities´. Grundsätzlich ist der Unterschied zu beachten, der zwischen der Überlieferung als Gegebenem und dem Bild von der Vergangenheit als Geschöpftem besteht. Zwischen beiden Dimensionen bestehen Wechselwirkungen, dergestalt, dass das heutige Bild der Vergangenheit die Fragen bestimmt, die an die Überlieferung gestellt werden, und das neu entdeckte Befunde aus der Überlieferung das Bild von der Vergangenheit verändern.
Literatur: A. von Brandt, Werkzeug des Historikers, 18. Aufl., 2012; A. Esch, Überlieferungschance und Überlieferungszufall als methodisches Problem des Historikers, in: Ders., Der Historiker und die Erfahrung vergangener Zeiten, 1994, 39-69; M. C. Howell, W. Prevenier, From reliable sources, 2001; C. Ginzburg, Spurensicherung, in: Spurensicherung, hrsg. Ders., 1983, 61-96; Quellenkunde zur deutschen Geschichte im Spätmittelalter (1350-1500), hrsg, W. Dotzauer, 1996; Quellenkunde zur westfälischen Geschichte vor 1800, hrsg. S. Pätzold, W. Reininghaus, 2017; Quellenkunde der Habsburgermonarchie, 16.-18. Jahrhundert, hrsg. J. Pauser, M. Scheutz, et. al., 2004.