Hanse­Lexikon
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Buchstabe O

Ordeelbook, Hamburg

Das O. aus dem Jahr 1270 ist das erste geschriebene Stadtrecht Hamburgs. Schon der Einleitungssatz macht die Zielsetzung deutlich: Iuste iudicate filii hominum (Richtet gerecht, ihr... mehr

Das O. aus dem Jahr 1270 ist das erste geschriebene Stadtrecht Hamburgs. Schon der Einleitungssatz macht die Zielsetzung deutlich: Iuste iudicate filii hominum (Richtet gerecht, ihr Menschensöhne)! Das knüpft an Psalm 58,2 an und verweist zugleich auf das Gericht als zentrale Institution, wo es um nichts weniger als Gerechtigkeit geht. Die Verschriftlichung der Rechtsordnung sollte vor allem Rechtssicherheit gewährleisten. Autor des Stadtrechts war höchstwahrscheinlich der Hamburger Magister → Jordan von Boizenburg (um 1210-1274). Der Text weist zahlreiche Parallelen zum Sachsen­spiegel auf, der um 1225 entstanden war und das sächsische Recht enthielt. Auch gibt es Anleihen an alttestamentliche Rechtsvorschriften. In systematischer Weise behandelt das O. die Ratsverfassung, Liegenschafts-, Erb-, Ehegüter-, Personen-, Schuldrecht, Fragen des Beweises sowie Strafrecht und das erst nachträglich eingefügte Schiffrecht. Die Normen sind abstrakt formuliert. Insbesondere das Schiffrecht wurde im Hanseraum von manchen Städten übernommen. In einer überarbeiteten Fassung von 1301 („Rotes Buch“) blieb das O. bis zum Ende des Mittelalters geltendes Recht.

Tilman Repgen

Quellen: F. Eichler, Das Hamburger Ordeelbook von 1270 samt Schiffrecht nach der Handschrift von Fredericus Varendorp von 1493 (Kopenhagener Codex), 2005.
Osmund

O. eine schwedische Form des Roheisens, ist die Bezeichnung für ein weiches, gut schmiedbares Stück Roheisen in Form eines Klumpens oder des Abschnittes einer Stange mit einem... mehr

O. eine schwedische Form des Roheisens, ist die Bezeichnung für ein weiches, gut schmiedbares Stück Roheisen in Form eines Klumpens oder des Abschnittes einer Stange mit einem theoretischen Mittelgewicht von 280 g. Es ist seit früher Zeit, in Holztonnen mit ca. 170 kg Inhalt verpackt, ein wichtiges Handelsgut des schwedischen Exports. Importhäfen der südlichen Ostseeküste waren vor allem Lübeck und Danzig. O. wird seit dem 17. Jh. durch schwedisches Stangeneisen abgelöst.

Hans-Jürgen Vogtherr

Literatur: N. Björkenstam, Den svenska järnhanterings tekniska utveckling, 1996.
Ostsee

Ostsee, lat. mare orientale (UBStL II, Nr. 1038) u. mare Balticum, ist ein Nebenmeer des Atlantiks und aus europäischer Sicht eines der Sieben Weltmeere. Die O. erstreckt sich vom Kattegat... mehr

Ostsee, lat. mare orientale (UBStL II, Nr. 1038) u. mare Balticum, ist ein Nebenmeer des Atlantiks und aus europäischer Sicht eines der Sieben Weltmeere. Die O. erstreckt sich vom Kattegat (Katzenloch, altnordisch: Jótlandshaf, Jütlandsmeer) im Westen bis zum Finnischen Meerbusen (Newa Bucht) und der Bottenwiek im Osten und umfasst eine Fläche von ca. 412.000 km2. Der Name korrespondiert mit der Westsee (seit 1864 Nordsee), der Nordsee (Nordwestatlantik) und der Zuiderzee und stammt aus der mitteleuropäischen Sichtweise. Der Begriff O. erscheint erstmals Ende des 13. Jh. in der Livländischen Chronik. Durch die in die O. entwässernden Flusssysteme von Newa, Düna, Weichsel und Oder erstreckt sich das Hinterland der O. vom Ural über die Karpaten bis zum Erzgebirge. Aufgrund der geringen Tiefe und Größe der O. besitzt diese nur kurze Wellen, die leichter zu besegeln sind. Gleichzeitig ermöglicht die Geographie der O. ein Befahren mit ständigem Landkontakt, weshalb die O. schon im frühen Mittelalter aufgesegelt wurde. Die O. ist der Verbindungsweg zwischen den Märkten an der Westsee, vor allem Flanderns, Hollands und Englands, und des Ostens, Ungarns, Rußlands, der Ukraine, Byzanz’ sowie Chinas. Ein Warenaustausch auf diesem Weg ist schon für das 10. Jh. nachweisbar. Gleichzeitig dient sie zur Rohstofferzeugung vor allem für Bernstein (Export nach Rom schon bei Dionysius Halicarnassus und Tacitus erwähnt) sowie für Hering. Für die Hanse machte sie eines der seegehenden Kerngebiete des Handels aus, und die handelsmäßige Überbrückung der Entfernungen und Unsicherheiten des Seetransportes auf der O. ist eine der wesentlichen Leistungen der hansischen Kaufleute. Mit der Verlagerung der wichtigsten Handelsrouten auf den mittleren und südlichen Atlantik sowie nach Mitteldeutschland (Leipziger Messen) im 16. Jh. nahm die Bedeutung der O. als Verkehrsgebiet relativ ab, sie behielt aber ihre herausragende Stellung als Verkehrsachse im Holz- und Getreidehandel.

Carsten Jahnke

Literatur: M. North, Geschichte der Ostsee, 2011.
Ostsiedlung

O. bedeutet die Niederlassung der Bevölkerung aus dem deutschsprachigen Raum in den Ostgebieten Europas. Im 19. Jh. fungierte der Terminus als Begriffsparadigma zur Betonung der zivilisatorischen... mehr

O. bedeutet die Niederlassung der Bevölkerung aus dem deutschsprachigen Raum in den Ostgebieten Europas. Im 19. Jh. fungierte der Terminus als Begriffsparadigma zur Betonung der zivilisatorischen und kulturstiftenden Rolle der germanischen und deutschen Siedlung im Osten. Man befand, dass die Migration der deutschen Bevölkerung dorthin wegen ihres gewaltigen Ausmaßes etwas für europäische Maßstäbe Einzigartiges war. Diese Auffassung fand ihre Nachfolge im 20. Jh. Im Lichte neuerer Forschung wird die O. eher als Element der demografischen und siedlungstechnischen Entwicklung Europas im Hochmittelalter betrachtet, als Teil eines Prozesses, in dessen Rahmen sich die Siedlung von den Zentren zu den Peripherien verbreitete. Die O. erfasste im 13. und 14. Jh. die Gebiete zwischen der Elbe und der Oder, Pommern, Preußen, Livland, polnische Gebiete, Böhmen, Ungarn und die Moldau. Die chronologischen Grenzen der Migrationsbewegung werden unterschiedlich angegeben, und diese wird nicht immer auf die Epoche des Mittelalters beschränkt. Als Anfang der O. wird die Zeit nach der siegreichen Schlacht gegen die ungarischen Stämme auf dem Lechfeld angesehen. Manchmal wird jedoch behauptet, dass sich Migrationsbewegungen der germanischen Völker in östlicher Richtung bereits im 8. Jh. abzeichneten. Das Fehlen von deutlichen geographischen Hindernissen in West-Ost-Richtung erleichterte das Vordringen der deutschen Siedlung gegen Osten. In der Christianisierungsperiode (9.-10. Jh.) waren die Vertreter der Ritterschaft mit ihren militärischen Kräften sowie Geistliche die ersten Siedler. Die Christianisierung gehörte ohne Zweifel zu den wichtigsten Faktoren, die in der Anfangszeit die O. begünstigten. Dennoch nahm die Siedlertätigkeit im 10.-12. Jh. kein größeres Ausmaß an. Sie betraf vor allem die südlichen und mittleren Gebiete jenseits der Saale und der Elbe. Im 13. Jh., als im Zusammenhang mit dem weiteren demografischen Zuwachs und dem gesellschaftlichen Wandel im Gebiet des Deutschen Reichs viele soziale Gruppen - von den Ministerialen bis zu Stadtbürgern und Bauern - gezwungen waren, sich neue Lebensorte auszusuchen, zogen weitere 20.000 nach Osten. Die Ostgebiete  erschienen zu jener Zeit sehr attraktiv, sie zeichneten sich durch Bevölkerungsdefizite aus und boten die Möglichkeiten einer schnellen Karriere. Es wird dennoch betont, dass die O. aus der Perspektive der demografischen Verhältnisse in deutschen Gebieten keine erhebliche Abnahme der Bevölkerung nach sich zog. Die Siedlerwellen hatten unterschiedliche Hintergründe und Folgen. Die wirtschaftlichen Aspekte dominierten im Falle der Siedlertätigkeit in Böhmen, Schlesien und vielen anderen Regionen. Im Falle der Siedlertätigkeit in den nördlichen Regionen – in den polabischen (9.-13. Jh.) oder preußischen Gebieten (13. Jh.) – spielten zusätzlich religiöse Motive (Kreuzzüge) eine Rolle. Der Zufluss der Bevölkerung aus deutschen Gebieten nahm in der zweiten Hälfte des 14. Jh. an Intensität zu, insbesondere  in den Städten. Die deutschen  Siedler beeinflussten erheblich die Gestaltung der agrarischen Verhältnisse und die Organisation des städtischen Lebens. Der Zusammenstoß mit der fremden slawischen Bevölkerung hatte eine beträchtliche Bedeutung für das Verschwinden von Unterschieden zwischen unterschiedlichen Gruppen der deutschen Zuwanderer und für den Zuwachs von Gemeinschaftssinn. Die Schwächung der Migrationswellen Richtung Osten erfolgte ab Mitte des 14. Jh., als die Bevölkerung Europas, darunter auch der deutschen Gebiete, in der Folge des „schwarzen Todes” erheblich gesunken war. Es scheint, dass Osteuropa von den Folgen dieser Riesenepidemie in geringerem Ausmaß betroffen war. Der „schwarze Tod” setzte freilich dem Zustrom der deutschen Siedler kein definitives Ende, wovon die Situation im Deutschordensland zeugt. Hier scheint erst nach 1410 die Zuwanderung schwächer geworden zu sein. In Böhmen wirkten sich die hussitischen Kriege in der ersten Hälfte des 15. Jh. hemmend auf die Siedlung aus.

Piotr Olinski

Literatur: P. Erlen, Europäischer Landesausbau und mittelalterliche deutsche Ostsiedlung, 1992; C. Higounet, Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter, 1990.
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